GEGEN DEN WIND

Kurt Nelhiebel, geboren 1927 in Böhmen, nach dem Zweiten Weltkrieg und seiner Vertreibung aus der „alten Heimat Nordböhmen“ Journalist und Autor bei Radio Bremen, ist der Verfasser eines umfangreichen journalistischen und publizistischen Werkes. 


Eine Lebensgeschichte in Texten zum Zeitgeschehen


Anlässlich des 90. Geburtstags von Kurt Nelhiebel im Jahr 2017 erscheinen gleich zwei Bücher, die neben Unveröffentlichtem einige seiner wichtigen Aufsätze zur deutschen Nachkriegsgeschichte vereinen, die er zum Teil unter seinem Autorennamen Conrad Taler veröffentlicht hat: Gegen den Wind im Kölner PapyRossa Verlag und Schwejk trifft Candide im Ossietzky Verlag. 

Ausgehend von seinen Kindheitserinnerungen an das friedliche Zusammenleben von Tschechen und Deutschen in seiner böhmischen Heimat und an die nachfolgernde Zeit der Verfolgung während des NS-Regimes, wendet Kurt Nelhiebel sich gegen den Missbrauch der Heimatliebe durch die mit alten Nazis durchsetzten Vertriebenenverbände. Seine Kritik an der deutschen Wiederbewaffnung führt ihn an die Seite der deutschen Antifaschisten und deren Kampf gegen das Wiederaufleben der Nazi-Ideologie in Gestalt des Antikommunismus als neue Staatsdoktrin.

Die Begegnung mit dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer und seine Eindrücke als Beobachter des Auschwitz-Prozesses (1963-1965) bestärken ihn in seinem Kampf gegen das Vergessen und die Einebnung der deutschen Geschichte. Leiten lässt Kurt Nelhiebel sich von Einsteins Forderung nach einer neuen Qualität des Denkens und der Mahnung Fritz Bauers: „Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“

Gegen den Wind:  Inhaltsverzeichnis . Bestellen bei PapyRossa (in Kürze hier!)

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Einer, der nicht im Dutzend mitschwimmt


Hineingeboren in die Zeit der großen Weltwirtschaftskrise, erlebte Kurt Nelhiebel als Sohn eines deutschen Antifaschisten das Erstarken der sudetendeutschen Nazis, die Besetzung seiner Heimat durch Hitlers Wehrmacht und anschließend den Terror des nationalsozialistischen Regimes. Als Soldat lernte er während der Kämpfe in Berlin die Schrecken des Krieges kennen und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Ihm gelang kurz vor Kriegsende die Flucht und er machte sich auf den Weg zurück in seine Heimat. Dort entging er um Haaresbreite der Erschießung durch tschechische Sicherheitskräfte  Ein Brief seines Vaters, der ihn als Sohn eines Hitlergegners ausweist, rettete ihm das Leben.

Als 19jähriger erlebte Kurt Nelhiebel die unvermeidliche Übersiedlung nach Westdeutschland gemeinsam mit seinem Vater Eugen Nelhiebel, der mit einem Transport deutscher Antifaschisten die Heimat verlässt. Schon früh setzte sich Kurt Nelhiebel in Tagebuchaufzeichnungen mit der eigenen Geschichte auseinander.

Schwejk trifft Candide:  Inhaltsverzeichnis . Bestellen bei Ossietzky (in Kürze hier!)


Im Westen


Im Westen traf der junge Antifaschist die alten Nazis als Wortführer der Vertriebenen wieder und setzte sich als Journalist mit ihnen auseinander. Seine Hoffnung auf einen grundlegenden Wandel sieht er bei den Kommunisten am besten aufgehoben, und erlebt nach dem Verbot der Partei aufs Neue Ausgrenzung und Verfolgung.

Kurt Nelhiebel ist keiner, der mit dem Strom schwimmt, wenn es um die Grund- und Menschenrechte geht. Um seinen Arbeitgeber nicht in Schwierigkeiten zu bringen, wählte er für seine publizistische Tätigkeit das Pseudonym Conrad Taler und beleuchtete das von der NS-Propaganda und völkischem Denken auch weiterhin überschattete politische Geschehen.

Wenn Unrecht geschieht und Gefahr im Verzug ist, bleibt Kurt Nelhiebel nicht stumm. Von Beginn seiner schriftstellerischen und journalistischen Tätigkeit an kritisierte er Antisemitismus und Nationalismus als das, was sie sind, ein Fortleben rassistischen und völkischen Denkens, das eine traurig lange Tradition in Deutschland hat. Der Kalte Krieg war für den Journalisten und Autor keine Entschuldigung für das Scheitern der Entnazifizierung, für ihn ist sie eine Angelegenheit aller Deutschen. Ebenso wie der Revanchismus nicht weniger seiner Landsleute, deren Geschichtsvergessenheit er seit vielen Jahren kritisiert.

Das eigene Erleben reflektierend, schildert Kurt Nelhiebel in seinen Büchern und Artikeln das Zusammenspiel der sudentendeutschen Volkstumspolitiker mit Hitler bei der Zerstörung der Tschechoslowakischen Republik und als Konsequenz die Ausweisung von drei Millionen Deutschen nach Kriegsende. Sein Fazit: „Hätte es den zweiten Weltkrieg nicht gegeben, wäre es niemals zur Vertreibung gekommen.“


„Asche auf vereisten Wegen“


Die Prozesse wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen und die Weigerung der deutschen Justiz, sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, standen für Kurt Nelhiebel immer weit oben auf der Agenda.

Als Prozessbeobachter berichtete er vom ersten Auschwitz-Prozess, der von 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main auf Initiative Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauers stattfand.

2003 erschien die Sammlung der ergreifenden Berichte von Kurt Nelhiebel erstmals im Kölner PapyRossa Verlag, 2015 wurden sie erneut aufgelegt, erweitert um einige Text über den hessischen Generalstaatsanwalt Dr. Bauer.

Welcher Mut der Opfer und Überlebenden dazu gehörte, den ehemaligen Peinigern gegenüberzutreten, machte der Journalist deutlich, indem er ihre unerträgliche Verhöhnung durch die Täter und manche ihrer Verteidiger während des Auschwitz-Prozesses eindrücklich schilderte.

Asche auf vereisten Wegen:  Inhaltsverzeichnis . Bestellen bei PapyRossa


Junge Menschen gegen Naziparolen zu immunisieren


Der Kampf für ein anderes, ein antifaschistisches, antinationalsozialistisches Gedächtnis, zieht sich wie ein roter Faden durch Kurt Nelhiebels Bücher und Artikel. Sie erschienen zahlreich in den Zeitschriften Die Tat, Ossietzky, der Neuen Rundschau, den Frankfurter Heften und in den Blättern für deutsche und internationale Politik.

Die Jugend und nachwachsende Generationen gegen neue Naziparolen zu immunisieren, das war und ist das Hauptanliegen des Autors. 

2014 wurde Kurt Nelhiebel für sein Lebenswerk mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon in Bremen ausgezeichnet, die Laudatio von Prof. Hahn lässt sich hier abrufen.

Kurt Nelhiebel legte eine umfangreiche Presseausschnitt-Sammlung zu den politischen Themen an, die ihn sein Leben lang bewegten und zu denen er publizierte. Die gemeinnützige BUXUS STIFTUNG GmbH hat begonnen, Teile dieser Sammlung zu digitalisieren und zu archivieren. Wir freuen uns, die ausgewählten Artikel zur Geschichte der Bundesrepublik für die Forschung und vor allem Schülerinnen und Schülern zugänglich machen zu können. 

Erstaunlich und öfters auch erschreckend ist, wie aktuell viele der Beiträge von Kurt Nlehiebel aus den frühen Jahren der Bundesrepublik heute noch oder wieder sind. Unser Dank gilt dem Journalisten und Autor für sein unermüdliches Eintreten für Frieden und Gerechtigkeit, dafür, dass er das mitmenschliche, das humane Denken und Handeln nie aufgegeben hat, selbst in den schlimmsten Zeiten. Wir werden auch in Zukunft weitere Artikel von Kurt Nelhiebel auf dieser Seite publizieren.


PD Dr. Irmtrud Wojak
BUXUS STIFTUNG gemeinnützige GmbH

 

 

Und hier geht's zu NELHIEBELS WELT... 

Eine Audio-Collage in 5 Folgen auf RADIO BRIDGE OVERSEAS von Klaus Jürgen Schmidt, aus dem Lebenswerk des Bremer Kultur- und Friedenspreisträgers 2014

 


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