QUINTESSENZ

Hineingeboren in die Zeit der großen Weltwirtschaftskrise, erlebte Kurt Nelhiebel als Sohn eines deutschen Antifaschisten das Erstarken der sudetendeutschen Nazis, die Besetzung seiner Heimat durch Hitlers Wehrmacht und anschließend den Terror des nationalsozialistischen Regimes. Im Westen traf der junge Antifaschist die alten Nazis als Wortführer der Vertriebenen wieder.


„Die Quintessenz meiner Arbeit bestand in dem Wunsch, die Verantwortlichen für das, was während des Zweiten Weltkriegs und hinterher geschah, ein für alle Mal in der Versenkung verschwinden zu sehen. Nicht nur weil die Gerechtigkeit das verlangte, sondern auch weil ich das als Vorsorge für die Zukunft für notwendig hielt. Deshalb mein Kampf gegen das Vergessen, deshalb die Erinnerung an Auschwitz und an die Ursachen der Vertreibung.

Dass sich die Bundesrepublik Deutschland nicht unwiderruflich von den Schuldigen getrennt, sondern sie in Gnaden aufgenommen hat und ihnen, ausgerechnet ihnen, den Aufbau eines demokratischen Staates anvertraute und ihn damit, sicher ungewollt, mit dem Nazi-Ungeist infizierte, während seine Gegner von der Mitwirkung am Neuaufbau ausgeschlossen wurden, dass also eine Selbstreinigung niemals stattgefunden hat, das ist die Last, die ich mit mir herumschleppe. Wenn ich mit jemandem darüber spreche, bekomme ich zu hören: Das habe ich nicht gewusst. Ich hatte andere Sorgen.

Das kurze Gedächtnis der Menschen ist das Mistbeet, auf dem neues Unheil gedeihen kann. Meine sechsjährige Tätigkeit als Redakteur bei kommunistischen Zeitungen hat mit Mut wenig zu tun. Nachdem mir die unabhängige Göppinger Neue Württembergische Zeitung wegen eines Artikels gegen die sich abzeichnende Wiederbewaffnung den Stuhl vor die Tür gesetzt hatte, war ich froh, als mir eine kommunistische Zeitung eine Stelle anbot und ich meinen journalistischen und meinen politischen Neigungen weiter nachgehen konnte.“

Kurt Nelhiebel, April 2016

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