RÜCKBLICK AUF EIN HALBES JAHRHUNDERT

Ausgewählte Texte zum Zeitgeschehen

 

Was einmal gesagt werden muss
Der Fall Dr. Kanter – ein Fall Bundesgerichtshof


Im Gegensatz zum verlegenen Schweigen des Großteils der westdeutschen Presse übte Kurt Nelhiebel Ende der 1950er Jahre in der Wochenzeitung der deutschen Widerstandsbewegung, „Die Tat“ scharfe Kritik an der Reaktion des Bundesgerichtshofes auf Vorwürfe gegen den für politische Strafverfahren zuständigen Präsidenten des 3. Senats, Dr. Ernst Kanter. Dem ehemaligen Chefrichter der deutschen Wehrmacht im besetzten Dänemark wurde die Beteiligung an Todesurteilen zur Last gelegt. Ohne auf die Vorwürfe einzugehen, verschanzte sich das Gericht hinter der Behauptung, es handle sich um eine „von kommunistischer Seite inspirierte Aktion“. Der mit P.N. (für Peter Nau, Pseudonym während des Kalten Krieges) gezeichnete ganzseitige Beitrag schließt mit der Forderung, Kanter gehöre nicht auf den Richterstuhl, sondern auf die Anklagebank.

Die Tat, Frankfurt am Main, Nr. 44, 8. November 1958

 

Was wollten die Männer des 20. Juli?
Unbekanntes zum 15. Jahrestag des Attentats auf Hitler


Bereits in den Gründungsjahren der Bundesrepublik, also lange bevor Claus Schenk Graf von Stauffenberg als Figur der Unterhaltungsindustrie in den deutschen Feuilletons landete, hat die Hauptgestalt des Attentats auf Hitler immer wieder die Gemüter erhitzt. In dieser Darstellung der geheimen Verbindungen zwischen unterschiedlichsten Kreisen des deutschen Widerstandes erinnert der Verfasser unter anderem an die Kontakte zwischen konservativen Generälen und Kommunisten im Kampf gegen Hitler. Entschieden wendet er sich dagegen, die Beteiligten an dem Attentat angesichts eines wieder geforderten militärischen Gehorsams als Landesverräter zu bezeichnen. Der Beitrag endet mit dem Satz: „Was die Versuche des Generalinspekteurs der Bundeswehr, Heusinger, angeht, sich vor die Männer des 20. Juli zu stellen, so hätte er besser daran getan, sich 1944 zu ihnen zu bekennen.“

Die Tat, Frankfurt am Main, Nr. 29, 18. Juli 1959

 

Der Widersinn „begrenzter Kriege“
Zu Spekulationen über den Einsatz taktischer Atomwaffen


Wie dicht die Welt Ende der 1950er Jahre am Rande eines Atomkrieges stand, offenbarte die Forderung des amerikanischen Außenministers Dulles, auch bei einem so genannten Buschfeuerkrieg „an Ort und Stelle taktische Atomwaffen“ einzusetzen und die befreundeten Länder rings um den Sowjetblock unverzüglich mit solchen Waffen auszustatten. Bundeskanzler Adenauer bezeichnete die taktischen Atomwaffen als „Weiterentwicklung der Artillerie“. „Selbstverständlich können wir nicht darauf verzichten.“ Als „Dr. Helmut Dörr“ hält der Verfasser den Theoretikern des lokal begrenzten Atomkrieges entgegen, angesichts der unbegrenzten Folgen könne die Antwort auf solche Überlegungen nur ein unmissverständliches Nein sein.

Blätter für deutsche und internationale Politik, 25. Februar 1959, 5 Seiten

 

Die Henleins gestern und heute
Ehemalige Nazis steuern die Sudetendeutsche Landsmannschaft


Gestützt auf eine Vielzahl von Dokumenten belegt die Publikation aus dem Jahr 1962 den beherrschenden Einfluss ehemaliger Volkstumskämpfer auf die Sudetendeutsche Landsmannschaft. Beleuchtet wird insbesondere die Rolle des von alten Nazis beherrschten Witikobundes. Der Titel der Schrift geht auf den Namen des Anführers der Sudetendeutschen Partei (SdP), Konrad Henlein, zurück. Die SdP hatte sich als verlängerter Arm Hitlers die Zerstörung der 1918 gegründeten Tschechoslowakischen Republik zum Ziel gesetzt. Historiker bewerteten die Publikation als „erschütternde Bilanz der Kontinuitäten im sudetendeutschen politischen Leben.

Röderberg-Verlag, Frankfurt am Main, 1962, 87 Seiten

 

Revanchismus – Ja oder nein?
Über das Verhältnis zu den osteuropäischen Nachbarn


Zu einer Zeit, da der Ruf nach Anerkennung der so genannten Nachkriegsrealitäten in der Bundesrepublik noch als Landesverrat angesehen wurde, plädierte Kurt Nelhiebel unter dem Pseudonym Peter Nau für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als Voraussetzung für eine Verständigung mit den osteuropäischen Nachbarn. In Deutschland werde die Forderung nach Wiederherstellung der alten Grenzen als Wahrung nationaler Interessen betrachtet, aber sie wecke in Polen verständlicher Weise alte Ängste und werde als Ausdruck einer revanchistischen Politik verstanden. Nur wenn den Menschen in den von Hitler überfallenen Ländern diese Ängste genommen würden, könne die Bundesrepublik sich von dem Vorwurf des Revanchismus befreien.

Röderberg Verlag, Frankfurt am Main, 1965, 48 Seiten.

 

Rechts und Links Resultate zweier Parteiverbote
Auf Antrag der Bundesregierung verbot das Bundesverfassungsgericht


1952 die rechtsradikale Sozialistische Reichspartei und vier Jahre danach die Kommunistische Partei Deutschlands. Demonstriert werden sollte damit, dass Links- und Rechtsextremismus eingedenk der Weimarer Erfahrungen in gleicher Weise bekämpft werden. Tatsächlich hatten die beiden Verbote aber unterschiedliche Folgen: im Gegensatz zur Kriminalisierung jedweder kommunistischen Betätigung verblieb dem Rechtsextremismus ein breiter Spielraum zur Fortsetzung seiner antidemokratischen Hetze.

Radio Bremen, Juli 1966, 25 Seiten

 

Die Wiederkehr des Franz Josef Strauß


Vier Jahre nach dem Verlust seines Bonner Ministeramtes kehrte der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß 1966 an die Schalthebel der Macht in der damaligen Bundeshauptstadt zurück – als Ergebnis einer bis dahin beispiellosen nationalistisch gefärbten Agitation, in deren Verlauf die CSU – wie einst die Deutschnationalen während der Weimarer Republik - „die alte Verschwörung gegen Deutschland“ am Werk sah. Nutznießer der emotional geführten Kampagne waren die rechtsradikalen Kräfte aller Schattierungen.

Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 6 / 1966, 20 Seiten

 

Die Verhaftung
Eine pessimistische Vision


Unveröffentlichtes Hörspiel, geschrieben 1966, entstanden aus der Sorge, die damals diskutierte Notstandsverfassung, die zwei Jahre später mit den Stimmen der meisten Sozialdemokraten vom Bundestag verabschiedet wurde, könnte zu einer irreparablen Gefährdung wesentlicher Freiheitsrechte führen. Eingeblendet sind Redeausschnitte aus einer Bundestagsdebatte über die Notstandsgesetze, zu deren Rechtfertigung der CDU-Abgeordnete Dr. Rainer Barzel unter anderem sagte, „dass die Nato die Abschreckung durch umfassende Planung glaubhafter machen“ könne.

Unveröffentlicht, 21 Seiten

 

Das große Konzert
„Die Welt“ und „BILD“ und die Große Koalition


Nachdem die Unionsparteien und die SPD 1966 erstmals auf Bundesebene eine Große Koalition gebildet hatten, änderten die im Axel-Springer-Verlag erscheinenden Zeitungen „Die Welt“ und die „BILD-Zeitung“ ihre ablehnende Haltung gegenüber den Sozialdemokraten. Wohlwollend kommentierten sie die Entscheidungen der neuen Regierung und schirmten sie gegen Kritik von außen ab. „Die Welt“ schrieb damals: „Das Zusammengehen von CDU/CSU und SPD macht die Bahn frei für ein Wahlrecht, das klare Mehrheiten schafft. So lange die CDU/CSU die Freien Demokraten als Koalitionspartner brauchte, war das bestehende Wahlrecht eine heilige Kuh. Nun sind wir so weit, dass diese Kuh geschlachtet werden kann.“

Radio Bremen, 1967, 24 Seiten

 

„Deutsche Nachrichten“
Das Sprachrohr der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands


Im Rahmen einer Sendereihe unter dem Titel „Beispiele der Rechtspresse“ analysierte Conrad Taler 1967 die Wochenzeitung der NPD. Das Bundesministerium des Innern bezeichnete das Parteiorgan seinerzeit als „Zentrum des gesamten Rechtsradikalismus“ und als „Quelle extrem nationalistischer Vorstellungen“. Der Verfasser weist allerdings nach, dass sich die Betrachtungen der „Deutschen Nachrichten“ häufig kaum von denen so genannter unabhängiger Zeitungen und Meinungsäußerungen aus der Mitte der Gesellschaft unterscheiden.

Radio Bremen, 27. 11. 1967, 24 Seiten

 

Nazipolitik in neuem Gewande
Signale eines neuen deutschen Nationalismus


Zwei ganze Zeitungsseiten stellte das Blatt der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens für eine Darstellung der Ziele der Nationaldemokratische Partei Deutschland zur Verfügung. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Verfasser den Versuchen der NPD, Arbeiter und Angestellte für sich zu gewinnen. Die Partei greift nach seiner Überzeugung in ihrer sozialen Demagogie auf Argumentationsmuster der Nazis zurück. Je länger die Bundesrepublik die Anerkennung der deutschen Nachkriegsgrenzen hinauszögere, so seine These, desto länger könne die NPD auch dieses Thema für ihre nationalistische Hetze missbrauchen.

Die Gemeinde. Zeitung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Januar 1968.

 

Die NPD, ein Alibi


Die Situation sei grotesk; einerseits bemühten sich die Parteien der Großen Koalition, die Bedeutung der NPD gegenüber dem Ausland herunter zu spielen, andererseits räumten sie ihr in der Politik geradezu eine Schlüsselstellung ein. So beginnt dieser Aufsatz in der unter anderen von der Alt-Liberalen Hildegard Hamm-Brücher herausgegebenen Monatsschrift „liberal“. Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) halte dem französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle entgegen, die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze könnte in der Bundesrepublik Deutschland eine Welle des Rechtsradikalismus heraufbeschwören.

liberal, Heft 3 / 1968, 4 Seiten

 

Das Trauma vom verlorenen Platz an der Sonne
Nationalismus in europäischem Gewand


Nach seiner Rückkehr in die Bundesregierung verlangte der CSU-Vorsitzende Strauß, Europa dürfe sich nicht länger mit der Rolle des ohnmächtigen Zuschauers begnügen, während die beiden Supermächte USA und Sowjetunion die Welt untereinander aufteilten. Von den Arbeitnehmern in Deutschland verlangte er, sie sollten sich aus Gründen der deutschen Behauptung auf dem Weltmarkt mit Lohnforderungen zurück halten. Der Autor warnt: Was als nationale Größe ausgegeben werde, sei nicht identisch mit den Interessen der „kleinen Leute“.

Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 10 / 1968, 14 Seiten

 

Der „Vorwärts“
Zeitgeschichte am Beispiel einer sozialdemokratischen Wochenzeitung


„Beispiele der Linkspresse“ hieß eine Sendereihe von Radio Bremen, in deren Verlauf unter anderen die traditionsreiche sozialdemokratische Wochenzeitung „Vorwärts“ porträtiert wurde. An der Geschichte des 1876 gegründeten Blattes lässt sich nicht nur die historische Entwicklung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ablesen, sondern sie ist auch ein Spiegelbild deutscher Geschichte, angefangen vom Bismarckschen Sozialistengesetz bis hin zum Eintritt der SPD in eine von der CDU geführte Regierung unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, dessen frühere Tätigkeit im Auswärtigen Amt des Dritten Reiches seiner Nachkriegskarriere nicht im Wege stand.

Radio Bremen, 17. 3. 1969; Sendemanuskript veröffentlicht in der von Martin Niemöller herausgegebenen Monatsschrift Stimme der Gemeinde, 1. und 15.  September 1969, 6 Seiten

 

Menetekel „Harzburger Front“
Schatten von Weimar über der Bundesrepublik


Während der Auseinandersetzungen um die Ostpolitik und den Atomwaffensperrvertrag drifteten Teile der Unionsparteien so weit nach rechts, dass sich der SPD-Vorsitzende Willy Brandt an die „Harzburger Front“ der Weimarer Republik erinnert fühlte. Er spielte damit auf das Bündnis an, das konservativer Kreise 1931 auf einer Tagung in Bad Harzburg mit der NSDAP Hitlers eingingen. Der Aufsatz stützt Brandt Warnung anhand zahlreicher Beispiele übereinstimmender Argumentation von Angehörigen der Unionsparteien und der rechtsradikalen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands

Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 7 / 1969, 8 Seiten

 

Deutsche Industrie im Rüstungsgeschäft
Demontage kriegswichtiger Betriebe erleichterte moderne Rekonstruktion


In seiner ersten Regierungserklärung befürwortete Konrad Adenauer ausdrücklich die von den Siegermächten des zweiten Weltkriegs angeordnete Demontage aller deutschen Rüstungsbetriebe. 20 Jahre später verfügte die Bundesrepublik über die stärkste konventionelle Streitmacht in Westeuropa. Die Demontage der alten Fertigungsanlagen hatte sich am Ende als Vorteil erwiesen. Die deutsche Rüstungsindustrie konnte einen Neuanfang auf dem neuesten technischen Stand machen und war bald nicht mehr auf ausländische Lieferungen für die Bundeswehr angewiesen. Der Beitrag klingt mit der Forderung aus, Sicherheit nicht durch Aufrüstung, sondern durch Abrüstung und Verständigung anzustreben.

Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 11 / 1969, 11 Seiten

 

Die soziale Demagogie der NPD
Abgeschrieben bei der nationalsozialistischen Propaganda


So wie die Nazis – ehe sie die Gewerkschaften zerschlugen – behaupteten, die Einrichtungen der deutschen Arbeiter seien ihnen heilig, so behaupteten führende Vertreter der Nationaldemokraten in den 1960er Jahren, die NPD sei keineswegs gewerkschaftsfeindlich. Die vorliegende Untersuchung beweist anhand von Beispielen das Gegenteil. Das offizielle Organ der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände schrieb, die NPD sei zur Hoffnung der Nationalkonservativen geworden. Es sei zu erwarten gewesen, dass die „nationale Frage“ eines Tages virulent werden würde. „Wir halten das nicht von vornherein für ein Unglück.“

Die Tat, Antifaschistische Wochenzeitung, 1969, Nr.18/Nr.19, 2 Zeitungsseiten

 

Auf gleicher Wellenlänge
Antigewerkschaftliche Affekte bei NPD, CDU/CSU und Industrie


Auf der Grundlage eines Funkmanuskriptes für Radio Bremen und gestützt auf 135 Quellennachweise analysiert der Verfasser in dieser Studie die breit gefächerten Versuche konservativer Kreise zur Paralysierung der Gewerkschaften. Unter anderem erinnert er daran, dass die Nationalsozialisten das Wort Arbeitsfrieden ganz gezielt zur Entmündigung der organisierten Arbeitnehmerschaft einsetzten. Für die Gewerkschaften gebe es nur eine Möglichkeit, glaubwürdig zu bleiben und ihre Stellung in der Gesellschaft zu behaupten, nämlich die Interessen der Arbeitnehmer konsequent zu vertreten.

Sozialistische Hefte, Nr.1 und Nr. 2, 1969, 23 Seiten

 

Liebäugeln mit der NPD?


Ende der 1960er Jahre hatte sich die NPD in der Bundesrepublik so weit etabliert, dass konservative Kreise die Möglichkeit eines Zusammengehens im parlamentarischen Bereich nicht mehr ausschlossen. Münchner CSU-Politiker rieten den Unionsparteien, sie sollten nicht mit falscher „G’schamigkeit“ die Tatsache leugnen, dass die NPD den entscheidenden Strich durch die Rechnung der „zwei Linksparteien“ SPD und FDP machen könne. Als Gegenmaßnahme empfiehlt der Verfasser den liberalen und progressiv-demokratischen Kräften, sich zur Verhinderung eines möglichen Abgleitens der Bundesrepublik ins Reaktionäre überall zusammenzuschließen.

Neue Rundschau, S. Fischer Verlag, Heft 3 / 1969, 5 Seiten

 

Über faschistoide und nationalistische Tendenzen


In dieser kritischen Analyse der Innen- und Außenpolitik der Bundesrepublik werden Tendenzen beschrieben, die eine Neigung breiter konservativer Schichten erkennen lassen, deutsche Interessen fortan auch gegen den Willen der Westmächte zu vertreten, so zum Beispiel im Streit um den Atomwaffensperrvertrag und die Anerkennung der Nachkriegsgrenzen. Zweimal in einem Jahrhundert hätten die Deutschen sich – mit verheerenden Folgen - einreden lassen, sie gehörten einem Herrenvolk an, das sich „seinen Anteil an der Welt selber nimmt“. Sie sollten gewarnt sein.

Vortrag in der Evangelischen Akademie Arnoldshain/Taunus; veröffentlicht 1969 in Heft 4 und 5 des Organs der Bekennenden Kirche, Stimme der Gemeinde, 6 Seiten

 

Streit unter Schwestern
CDU und CSU erstmals in der Opposition


Nachdem die Unionsparteien 1969 zum ersten Mal auf die Bonner Oppositionsbänke verbannt worden waren, entbrannte zwischen CDU und CSU ein heftiger Streit über den künftigen Kurs. Bereits während der Großen Koalition hatte der CSU-Vorsitzende Strauß immer wieder Kritik am damaligen CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzler Kiesinger geübt. Er nannte ihn ein schwankendes Rohr im Winde; dass Kiesinger so „versage“, sei eine Katastrophe. Kiesinger selbst führte Klage darüber, dass Strauß sich, wie er formulierte, landauf und landab als starker Mann verkaufen lasse. In der Tat setzte Strauß für die Union die politischen Akzente, aber brachte die gesamte Union entgegen seinen Ambitionen nie vollständig unter Kontrolle.

Neue Rundschau, S. Fischer Verlag, Heft 1 / 1970, 17 Seiten

 

Renaissance eines Bürgerschrecks
Hintergründe einer Propagandakampagne gegen die SPD


Mit der Wiederbelebung antisozialistischer Ressentiments versuchte der rechte Rand der Unionsparteien Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, gegenüber den regierenden Sozialdemokraten Boden gutzumachen. Das Wort Sozialismus diente als Schimpfwort. Auch andere abgeschmackte Parolen aus der Kaiserzeit und aus der Zeit des Nationalsozialismus fanden wieder Eingang in den politischen Meinungsstreit. Der Versuch, rechte Wähler damit für die Unionsparteien zurück zu gewinnen, vergiftete nachhaltig das politische Klima und erschwerte die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit.

Neue Rundschau, S. Fischer Verlag, Heft 1 / 1971

 

Rechts wo die Mitte ist
Der Streit um Brandts Ostpolitik und den Atomsperrvertrag


Nachdem mit Willy Brandt erstmals ein Sozialdemokrat das Amt des Bundeskanzlers übernommen hatte, entbrannte Anfang der siebziger Jahre ein heftiger Kampf um die politische Mitte. Eingebettet war er in die emotionsgeladene Auseinandersetzung über das Für und Wider der Entspannungspolitik gegenüber dem Osten. In dem Buch „Rechts wo die Mitte ist“ vermittelt Conrad Taler dem Leser Einblick in die politische Atmosphäre jener Jahre, in denen der Vorwurf des Ausverkaufs deutscher Interessen gang und gäbe war. Kennzeichnend für das damalige Klima ist auch die Äußerung des CSU-Vorsitzende Strauß, der Atomwaffensperrvertrag sei ein „Versailles von kosmischen Ausmaßen“.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1972, 152 Seiten

 

Bilanz an einem Wendepunkt
Der Grundlagenvertrag mit der DDR und seine Vorgeschichte


Der Autor beleuchtet in diesem Aufsatz die politische Szenerie im geteilten Deutschland, angefangen von der Gründung zweier deutscher Staaten 1949 bis hin zu den ersten zögernden Entspannungsschritten im Ost-West-Verhältnis, die schließlich in vertragliche Abmachungen einmündeten. Diese Wende, so das Fazit des Verfassers, werde den Menschen ein Gefühl der Ruhe geben, ohne die sie auf Dauer nicht leben könnten. Über den weiteren Weg würden kommende Generationen entscheiden.

Neue Rundschau, Heft 3 / 1973, S. Fischer Verlag, 13 Seiten

 

Die SPD nach dem Kanzlerwechsel
Helmut Schmidt in der Nachfolge von Willy Brandt


Unter dem Eindruck des Schocks, den der Rücktritt Willy Brandts vom Amt des Bundeskanzlers Mitte der siebziger Jahre ausgelöst hat, beginnt in der SPD eine Diskussion über die künftige Marschroute der Sozialdemokraten. Brandts Nachfolger Helmut Schmidt drängt auf die Beendigung theoretisch-ideologischer Diskussionen und verlangt die Konzentration auf das politisch Machbare. Der Verfasser folgert daraus, dass die SPD sich angesichts einer schwierigen wirtschaftlichen Situation in der Tat neu in Szene setzen müsse. Steigende Preise und die zunehmende Sorge um den Arbeitsplatz dämpften die Bereitschaft der Menschen, über Reformpläne nachzudenken.

Neue Rundschau, Heft 3 / 1974, S. Fischer Verlag, 16 Seiten

 

Der Radikalenerlass und seine Folgen
Gefährdung von Bürgerrechten durch Gesinnungsschnüffelei


Mit dem Radikalenerlass aus dem Jahr 1972 wollten die Sozialdemokraten dem Vorwurf begegnen, unter ihrer Regierungsverantwortung verfalle zunehmend die Autorität des Staates. Erklärte Absicht des Erlasses war es, Feinde der freiheitlichen demokratischen Grundordnung vom öffentlichen Dienst fern zu halten. Konkretes Ergebnis war eine ausufernde Gesinnungsschnüffelei. Am 20. Jahrestag des Erlasses räumte Willy Brandt ein, dass der Erlass der Demokratie mehr geschadet als genutzt habe. Das Wort „Berufsverbot“ galt international über Jahre hinweg als Synonym für die Gefährdung von Bürgerrechten.

Neue Rundschau, Heft 2 / 1976, S. Fischer Verlag, 14 Seiten

 

Schon heute ein Stück Weltgeschichte
Fünf Jahre nach der Ratifizierung der Ostverträge

Die Ostpolitik der sozial-liberalen Koalition in Bonn gehört zu den Themen, die auch noch in 50 Jahren für Historiker bei der Darstellung der deutschen Nachkriegsgeschichte von Belang sein werden. So beginnt diese Zwischenbilanz des ostpolitischen Streites zwischen der CDU/CSU-Opposition auf der einen Seite, und Vertretern der SPD sowie der Freien Demokraten auf der anderen. Der Verfasser beschließt seine Analyse mit der Mahnung Gottfried August Bürgers aus dem Jahr 1790, nur mit den Waffen des Geistes für Menschenrecht und Freiheit zu kämpfen, weil s i e die „glorreichsten Taten“ verrichteten.

Neue Rundschau, Heft 3 / 1977, S. Fischer Verlag, 14 Seiten

 

Über die Unvernunft des Wettrüstens
Bekenntnis zu einer neuen Qualität des Denkens im Atomzeitalter


Dieses Plädoyer für eine umfassende Abrüstung wurde zu einer Zeit geschrieben, in der das Thema Abrüstung auf der Prioritätenliste der bundesdeutschen Politik ganz unten rangierte. Gleichwohl erregte der Essay Aufsehen. Ivo Frenzel sprach in der Süddeutschen Zeitung von einem Glücksfall der deutschen Publizistik. Der Aufsatz stehe für die „Kontinuität dieser ruhmreichen Zeitschrift“. Albert Einsteins Forderung, die neue Qualität der Atomwaffen verlange eine neue Qualität des Denkens, werde hier mit Nachdruck zur Geltung gebracht.

Neue Rundschau, Heft 2 / 1978, S. Fischer Verlag, 11 Seiten

 

Die Spuren schrecken
Zum 40. Jahrestag der so genannten Reichskristallnacht


Anhand zahlreicher Original-Tondokumente rekonstruiert Conrad Taler in diesem Feature für Radio Bremen die Vorgeschichte des Pogroms vom 9. November 1938. Anschaulich wird geschildert, wie die Nationalsozialisten ihr Gewaltregime Zug um Zug festigten und wie sie ein politisches Klima schufen, in dem schließlich staatlich sanktionierter Mord gedeihen konnte. Der Beitrag erinnert auch an die Nachkriegsdebatten um den Kommentator der Nürnberger Rassegesetze und späteren Staatssekretär im Bundeskanzleramt Dr. Hans Globke. Das Manuskript enthält den ausgeschriebenen Text aller Tondokumente.

Radio Bremen, 7. November 1978, 23 Seiten

 

An der Schwelle der achtziger Jahre
Über die internationale Stellung der Bundesrepublik Deutschland


In dieser Positionsbestimmung zu Beginn eines neuen Jahrzehnts kommt der Verfasser zu folgendem Fazit: An der Schwelle der achtziger Jahre ist Optimismus erlaubt. Unser Land nimmt einen geachteten Platz in der Völkerfamilie ein. Es braucht um sein Ansehen nicht zu bangen, wenn es von seiner wirtschaftlichen Stärke weise Gebrauch macht. . . Endgültig reifen werden die Früchte freilich erst dann, wenn die unnützen Aufwendungen für militärische Zwecke auf ein Maß reduziert werden, das der Bereitschaft aller zum friedlichen Zusammenleben entspricht.

Neue Rundschau, Heft 4 / 1979, S. Fischer Verlag, 9 Seiten

 

Wo beginnt der Rechtsradikalismus?
Aufschlussreiche Kriterien eines CDU-Bundesinnenministers


Vor dem Hintergrund zunehmend heftiger werdender Attacken der oppositionellen Unionsparteien gegen die von Sozialdemokraten und Freien Demokraten gestellte Bundesregierung, erinnert der Verfasser in diesem Essay an eine Untersuchung des früheren CDU-Bundesinnenministers Paul Lücke, in der Merkmale rechtsradikalen Denkens aufgelistet werden. Nach seinem Eindruck decken sich manche Äußerungen aus den Reihen des rechten Flügels der Unionsparteien mit den darin genannten Kriterien. Der Beitritt ist eine Warnung vor dem Rückfall in ein politisches Klima, das – ähnlich wie in der Weimarer Zeit – nationalistischen Rattenfängern den Boden bereitet.

Neue Rundschau, Heft 1 / 1979, S. Fischer Verlag, 9 Seiten

 

„Woraus das wieder kriecht..."
Was verführt junge Menschen zum Neonazismus?


Auf welche Weise die Nationalsozialisten überlieferte Vorbehalte gegenüber den Linksparteien, den Gewerkschaften, den Juden sowie gegenüber den Intellektuellen und modernen Kunst zur Festigung ihrer Macht instrumentalisierten, wird in diesem Hörfunk-Feature anhand zahlreicher Original-Tondokumente aus der NS-Zeit belegt. Das Wissen um die Propagandatechniken der Nazis, so das Fazit des Beitrages, sei eine unerlässliche Voraussetzung zur Immunisierung der Jugend von heute gegenüber neonazistischen und obrigkeitsstaatlichen Denkmustern.

Radio Bremen, 30. Januar 1980, 26 Seiten (alle Tondokumente sind im Wortlaut festgehalten und ausgeschrieben).

 

Wahnsinn mit Methode
Die Europäische Agrarpolitik unter der Lupe


Auf der Grundlage eines Rundfunkbeitrages durchleuchtet der Verfasser in diesem Aufsatz die verzwickten Brüsseler Marktordnungen und Beschlüsse zur Steuerung eines Marktes, dessen Mechanismen sich dem Außenstehenden selten oder nie ganz erschließen. Unentwegt werde Geld ausgegeben, um die landwirtschaftliche Produktion zu steigern, gleichzeitig würden Unsummen aufgewendet, um überschüssige Agrarprodukte zu vernichten. Und dies zur selben Zeit, da Millionen Kinder in der Welt hungerten. Dies widerspiegele nicht nur eine Krise der Agrarpolitik, sondern offenbare auch die Fragwürdigkeit eines ordnungspolitischen Systems. Das Manuskript wurde von der ARD für Fortbildungsseminare verwendet.

Frankfurter Hefte, Nr. 4 / 1981, 10 Seiten

 

Enthüllung der eigenen Fragwürdigkeit
Zwei Jahre mit Reagan – Eine Zwischenbilanz


Der Ost-West-Konflikt verschärfte sich nach der Amtsübernahme des Republikaners Ronald Reagan beträchtlich. Die Rüstungsausgaben der USA wurden auf Kosten sozialer Programme erhöht und der Ton gegenüber Moskau verschärft. Die sowjetische Führung intensivierte gleichfalls das Propagandagetöse. Der Verfasser zitiert Carl Friedrich von Weizsäcker, der an ein zusätzliches psychologisches Hindernis zur Überwindung der verfahrenen Situation erinnerte: Die Menschen fürchteten wenige Dinge so sehr wie die Enthüllung der eigenen Fragwürdigkeit durch die Anstrengung, anderen gerecht zu werden.

Frankfurter Hefte, Nr.12 / 1982, 7 Seiten

 

Ungesühnte deutsche Blutjustiz
Vom Versagen deutscher Richter gestern und heute


Dieser Essay ist einer der ersten Versuche, 37 Jahre nach dem Untergang des Naziregimes eine öffentliche Diskussion über die Mitschuld der deutschen Justiz an den Verbrechen der Nationalsozialisten in Gang zu setzen. Der Verfasser weist unter anderem darauf hin, dass keiner der Juristen, die den Dolch des Mörders unter der Robe versteckten, jemals rechtskräftig verurteilt worden ist. Der Bundesgerichtshof – der Jahre später eigenes Versagen bei der justiziellen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit einräumte, gestattete einstigen Blutrichtern, von denen nicht wenige Karriere im Justizwesen der Bundesrepublik machten, ausdrücklich auch die berufliche Tätigkeit als Rechtsanwalt.

Frankfurter Hefte, Nr. 5 / 1982, 8 Seiten

 

Der Brunnenfrosch und das Meer
Probleme der Berichterstattung aus der Dritten Welt


Nach einer Studienreise durch Tansania und Kenia tritt der Verfasser in einem Rundfunkessay dafür ein, die Berichterstattung über die Dritte Welt entsprechend einer Forderung der blockfreien Staaten zu „entkolonialisieren“. Es sei nicht mehr zeitgemäß, dass das Bild der unterentwickelten Länder zu 80 Prozent von vier großen westlichen Nachrichtenagenturen geprägt werde. In Anlehnung an ein chinesisches Sprichwort, wonach mit einem Brunnenfrosch nicht über das Meer geredet werden könne, plädiert er für ein Überdenken der konventionellen Auswahlkriterien in den Nachrichtenredaktionen der westlichen Welt.

Radio Bremen, Mai 1983 14 Seiten

 

Bankrott militärischen Denkens
Oder: Stirbt es sich konventionell leichter?


Ein Jahr nachdem der Westen mit der Stationierung zusätzlicher Mittelstreckenraketen in Europa ein Bekenntnis zur atomaren Abschreckung abgelegt hatte, setzte der ehemalige amerikanische Außenminister Henry Kissinger 1984 mit seiner Forderung nach verstärkter konventioneller Rüstung der Europäer eine lebhafte Debatte über die zweckmäßigste Form der Rüstung in Gang. Der Verfasser sieht darin einen Bankrott militärischen Denkens. Ein konventionell geführter Krieg wäre für die Betroffenen ebenso tödlich wie ein Atomkrieg. Gemäß der These Richard von Weizsäckers, Frieden sei die Folge von praktischer Zusammenarbeit, sollten statt dessen Abrüstungsgespräche mit dem Osten aufgenommen werden.

Radio Bremen 1984, 6 Seiten

 

„Es ist doch Ruhe im Dorf“
Zum 8. Mai und den politischen Leichen im Keller


Anlässlich des 40. Jahrestages der bedingungslosen Kapitulation des so genannten Großdeutschen Reiches nimmt der Verfasser in der von Johano Strasser herausgegebenen Zeitschrift „L’80“ eine Bestandsaufnahme vor, in deren Mittelpunkt der bundesdeutsche Umgang mit der unbewältigten NS-Vergangenheit steht. Der Essay schließt mit der lapidaren Feststellung: „Wenn Zeitungen wie die ‚Frankfurter Allgemeine’ und ‚Die Welt’ Agenturmeldungen unterschlagen, in denen der frühere Bundespräsident Carstens den 8. Mai als Tag der Befreiung bezeichnet, so lange liegen noch Leichen im Keller.“

L’80, Zeitschrift für Literatur und Politik, Heft 34 / 1985,  6 Seiten

 

Eine neue Qualität des Denkens
Hintergründe der sowjetischen Politik unter Gorbatschow


Hat sich die sowjetische Politik verändert, seit Michail Gorbatschow das Amt des Generalsekretärs der KPdSU bekleidet. fragte Conrad Taler 1986 in einer Analyse der Reden des neuen Mannes in Moskau. Bei näherem Hinsehen bleibe die Unbestimmtheit mancher Äußerungen nicht verborgen. Allerdings habe Gorbatschow Bewegung in erstarrte Fronten gebracht. Kennzeichnend für seinen Kurs sei die Aussage, Ost und West müssten die große Wissenschaft erlernen, „miteinander zu leben“. Angesichts der weltpolitischen Veränderungen eine äußerst spannende und aufschlussreiche Lektüre.

Radio-Bremen, Februar 1986, 16 Seiten

 

Über den Umgang der Arbeitslosigkeit


Als die Unionsparteien 1982 wieder die Regierungsverantwortung übernahmen, waren in der Bundesrepublik 1,79 Millionen Menschen arbeitslos. Schuld daran war nach Meinung der CDU/CSU eine verfehlte Haushaltspolitik der SPD. Damit täuschte die Union nach Meinung des Verfassers die Öffentlichkeit auf schäbige Weise über die Ursachen eines komplexen Problems. Tatsächlich handele es sich bei der Massenarbeitslosigkeit um die Folge einer weltweiten technischen Umwälzung. Notwendig seien Initiativen zur gerechten Verteilung der noch vorhandenen Arbeit sowie zur Schaffung neuer Arbeitsplätze.

Radio Bremen, 1987, 16 Seiten

 

Stationen eines langen Weges
Wie es zur Verringerung der Mittelstreckenraketen kam


Zum ersten Mal seit der Entwicklung atomarer Waffen wurde am 8. Dezember 1987 ein zwischenstaatliches Abkommen über die Verkleinerung der Waffenarsenale geschlossen. Die USA und die Sowjetunion vereinbarten die vollständige Vernichtung ihrer atomaren Mittelstreckenraketen. Conrad Talers Aufsatz geht der Frage nach, ob tatsächlich – wie verschiedentlich behauptet wurde – die so genannte Politik der Stärke zu diesem Ergebnis geführt hat, oder ob in Wirklichkeit nicht ganz andere Dinge den Ausschlag gegeben haben, etwa das Diktat der leeren Kassen.

Die neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Nr. 1 / 1988, 4 Seiten

 

Was bislang niemand erfuhr
Warum Herr Oberländer sein Amt und Herr Bütefisch sein Verdienstkreuz verlor


Von zwei Begebenheiten ist in diesem Beitrag die Rede, die ein besonderes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte beleuchten. Eine davon endete mit dem Rücktritt eines Bundesministers, die andere mit der Rücknahme einer Ordensverleihung durch den Bundespräsidenten. Vergleichbares hatte es bis dahin nicht gegeben. In beiden Fällen brachten Veröffentlichungen des Autors den Stein gegen die Betroffenen ins Rollen. Theodor Oberländer und Heinrich Bütefisch hatten nach Kriegsende Karriere gemacht, obwohl ihre Belastungen aus der NS-Zeit sie dafür alles andere als prädestinierten.

Radio Bremen, 1990, 25 Seiten

 

Brüten über dem Kuckucksei
Gilt der Freispruch für die Nazijustiz auch für die DDR-Justiz?


Mit ihren Rechtsverrenkungen zugunsten belasteter NS-Richter hatte die westdeutsche Nachkriegsjustiz der nachfolgenden Richtergeneration nach deren Verständnis ein Kuckucksei ins Nest gelegt. Hätte sie für ehemalige DDR-Richter dieselben Kriterien gelten lassen, wie für ehemalige NS-Richter, musste dem Freispruch für die NS-Justiz nunmehr auch ein Freispruch für die DDR-Justiz folgen. Deshalb nahm der Bundesgerichtshof mit Rückendeckung des Gesetzgebers eine halsbrecherische Kehrtwende vor und erkannte für Recht, dass gegenüber „linken“ Richtern andere Maßstäbe angewendet werden können, als gegenüber „rechten“.

Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Nr. 7 / 1991, 6 Druckseiten

 

Fünf Jahre nach Tschernobyl
Kein Umdenken nach der Reaktorkatastrophe in der Ukraine


Haben die katastrophalen Auswirkungen der Kernschmelze im Atomreaktor von Tschernobyl das Denken der Menschen beeinflusst? Wurde ernst gemacht mit dem damals von vielen geforderten Ausstieg aus der Kernenergie? Nach dem Eindruck des Verfassers haben sich alle getäuscht, die da meinten, Tschernobyl werde die Welt verändern. Der Schrecken verblasste rasch. Innerhalb von fünf Jahren wurden weltweit 50 neue Atomkraftwerke in Betrieb genommen. Nur die Schweizer sprachen sich in einer Volksabstimmung dafür aus, zehn Jahre lang keine neuen Atomanlagen zu bewilligen oder in Betrieb zu nehmen.

Radio Bremen, 21. April 1991, 14 Seiten

 

Verstaubte Kulisse Heimat
Reise in die Vergangenheit


Nach der politischen Wende im Osten besuchte der Autor Anfang der neunziger Jahre erstmals wieder seine alte Heimat in Nordostböhmen. In seinem Bericht über die Reise in die eigene Vergangenheit schildert er nicht nur seine persönlichen Empfindungen, sondern er zieht auch politisch Bilanz. Danach werden Deutsche und Tschechen erst dann wieder unbefangen miteinander umgehen können, wenn die sudetendeutsche völkische Bewegung damit aufhört, immer wieder Salz in alte Wunden zu streuen, und die nachwachsenden Generationen sich von den Schreckensbildern der NS-Zeit und der Vertreibung der Deutschen befreit haben.

Radio Bremen, 4. November 1991, 19 Seiten

 

Das Vorspiel
Die Sudetenkrise und der zweite Weltkrieg


Die so genannte Sudetenkrise, von Hitler mit dem Ziel heraufbeschworen, die Abtretung der deutsch besiedelten Randgebiete der Tschechoslowakischen Republik an das Deutsche Reich zu erpressen, ist ein Lehrbeispiel für die Instrumentalisierung von Minderheiten zu machtpolitischen Zwecken. Am Beispiel von Originaltondokumenten wird in dieser Hörfunksendung nicht nur die Vorgehensweise Hitlers beleuchtet, sondern auch die fatale Nachgiebigkeit Großbritanniens und Frankreichs gegenüber dem Machtanspruch des deutschen Diktators. Der Autor, Sohn eines sudetendeutschen Antifaschisten, möchte die Sudetenkrise auch als Warnung verstanden wissen, das Selbstbestimmungsrecht nicht als Vehikel zur Durchsetzung geopolitischer Interessen zu missbrauchen.

Radio Bremen, 6. November 1992 (Tondokumente ausgeschrieben), 33 Seiten

 

Einem Nestbeschmutzer zum Gedenken
Über Fritz Bauers Wirken als politischer Mensch


Als Initiator des großen Frankfurter Auschwitz-Prozesses gehört der ehemalige hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zu den herausragenden Gestalten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Trotzdem ist sein Name in keinem der gängigen Nachschlagewerke zu finden. Nach Ansicht des Verfassers hängt das damit zusammen, dass Fritz Bauers sich mit seinen öffentlichen Warnungen vor einem drohenden Rückfall in obrigkeitsstaatliche Denkweisen in konservativen Kreisen unbeliebt gemacht hatte. Sie hielten ihn für einen Nestbeschmutzer par excellence. Der Verfasser verknüpft die Würdigung des von den Nazis verfolgten Juristen mit eigenen Erinnerungen an diese außergewöhnliche Persönlichkeit.

Radio Bremen, 18. Dezember 1993, 14 Seiten

 

Vertanes Erbe
Von der Deformation und der notwendigen Renaissance des Antifaschismus


In diesem Essay geht es um die Frage, was aus dem Vermächtnis der deutschen Hitlergegner geworden ist, die mit ihren moralischen Grundentscheidungen vielen anderen voraus waren. Mit der Reduzierung des Widerstandes auf die bürgerlich-konservativen Männer des 20. Juli im Westen und der Hervorhebung des kommunistischen Widerstandes im Osten wurde nach Ansicht des Verfassers das Erbe des Widerstandes gegen den Naziterror weitgehend vertan. Die anhaltenden neonazistischen Aktivitäten und der virulente Antisemitismus machten die Wiederbelebung der Grundidee des Antifaschismus erforderlich, nämlich die Verteidigung der Demokratie über alle Parteigrenzen hinweg.

Leviathan, Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Heft 3 / 1993, 18 Seiten

 

Nur wer sich aufgibt, ist verloren
Alfred Hausser – Porträt eines Antifaschisten

Dieses Hörfunkfeature über einen der Widerstandskämpfer der ersten Stunde ruft die Erinnerung wach an das andere Deutschland, das sich dem Naziterror nicht beugte. Geprägt von undogmatischer Gradlinigkeit schildert der Stuttgarter Kommunist Alfred Hausser unter anderem sein Überleben in langjähriger Einzelhaft. Er spricht von seinen Hoffnungen nach der Befreiung und seinen Enttäuschungen im Gefolge des kalten Krieges zwischen Ost und West. Der langjähriger Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel bezeichnete Hausser in einem handschriftlichen Brief an den Verfasser als „aufrechten Mann“, der viel zur Aufklärung der Jugend über die Verhältnisse im NS-Staat beigetragen habe.

Radio Bremen, 31. März 1995 (O-Töne ausgeschrieben), 25 Seiten

 

Die Verharmloser
Über den Umgang mit dem Rechtsradikalismus


Der Schriftsteller Ralph Giordano, ein Überlebender des Holocaust, nannte diese Publikation „das Beste, was ich seit langem zu diesem Thema gelesen habe“. Der Essay richtet sich gegen die Schwamm-drüber-Mentalität und belegt anhand konkreter Beispiele die häufig bestrittene Ausbreitung rechtsradikalen und fremdenfeindlichen Verhaltens bis hinein in die bürgerliche Mitte. In einem Vorwort zu dem Buch bemerkt der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Harry Pross, die geschilderten Beispiele seien keine Einzelfälle, „sondern Syndrome der verschleppten Krankheit eines ethnisch begründeten Deutschnationalismus“.

Donat Verlag Bremen, 1996, 118 Seiten

 

Zweierlei Maß
Oder: Juristen sind zu allem fähig


Als nach der Angliederung der DDR an die Bundesrepublik westdeutsche Richter über ihre Kollegen aus dem untergegangenen anderen deutschen Staat zu Gericht saßen, verwarfen sie in einem halsbrecherischen Wendemanöver die gesamte Rechtsprechung, die zum Freispruch für die Nazijustiz geführt hat. Hatten sie eben noch dem Reich Adolf Hitlers das Recht auf Selbstbehauptung zugebilligt, erklärten sie nunmehr die DDR zum Unrechtsstaat, auf dessen Gesetze sich nachträglich niemand berufen dürfe. Fundamentale rechtsstaatliche Grundsätze, wie das Verbot rückwirkenden Bestrafens blieben dabei ebenso auf der Strecke, wie Gustav Radbruchs Gedanke von der Gerechtigkeit als Rechtsidee. Für den bekannten Juristen Heinrich Hannover steht das Buch „quer zur Strömung des Zeitgeistes“. Dem Leser kämen „einige Zweifel, ob Anspruch und Wirklichkeit unseres Rechtsstaates tatsächlich übereinstimmten“.

PapyRossa Verlag, Köln 2002, 198 Seiten

 

Asche auf vereisten Wegen
Berichte und Impressionen vom Frankfurter Auschwitz-Prozess


Der Titel dieses Buches geht auf die Zeugenaussage eines Auschwitz-Überlebenden zurück. Danach mussten Lagerinsassen im Winter die Asche der verbrannten Opfer auf die vereisten Wege streuen.Es handelt sich um Berichte über den Verlauf des Auschwitz-Prozesses, die der Verfasser für eine in Wien erscheinende jüdische Zeitung schrieb, ein Jahrhundertverfahren. Kritiker sprachen von einer wichtigen Lektüre auch 40 Jahre nach dem Prozess und bescheinigten dem Verfasser der Prozessberichte eine brillante Beobachtungsgabe sowie ein außerordentliches sprachliches Darstellungsvermögen.

PapyRossa Verlag, Köln 2003, 154 Seiten

 

Holubs Welt
Über „Böhmacken“, Sozis und den bösen Herrn Masaryk


Dieser kritische Essay zu der mit Preisen bedachten autobiografischen Romantrilogie des sudetendeutschen Autors Josef Holub „Der rote Nepomuk“, „Lausige Zeiten“ und „Schmuggler im Glück“ wendet sich unter anderem gegen die Beschönigung des Verhaltens der sudetendeutschen Parteigänger Hitlers in der Zeit vor und nach dem Münchner Abkommen von 1938. Der Verfasser verurteilt die Geringschätzung, die Holub gegenüber den Tschechen an den Tag legt. Anhand von Beispielen belegt er die unreflektierte Verwendung von Klischees aus der Mottenkiste deutsch-völkischer Propaganda, mit denen Vorurteile gegenüber den politischen Gegnern Hitlers sowie gegenüber rassisch Verfolgten genährt würden.

Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 6 / 2004, 7 Seiten

 

Das Geheimnis des 11. Mai 1952
Propagandalügen zu Zeiten des Kalten Krieges


Bei einer verbotenen Demonstration gegen die Wiederbewaffnung wurde erstmals seit Kriegsende ein Demonstrant von der Polizei erschossen. Bei dem Opfer handelte es sich um den jungen Kommunisten Philipp Müller. Die Polizei rechtfertigte den Schusswaffengebrauch mit der Behauptung, aus den Reihen der Demonstranten sei auf die Polizei geschossen worden. 50 Jahre später führt Conrad Taler unter Hinweis auf gegenteilige Aussagen polizeilicher Zeugen den Nachweis, dass es sich dabei um eine Propagandalüge handelte. Die westdeutschen Zeitungen widmeten dem Ereignis kein einziges kommentierendes Wort; der „Spiegel“ erwähnte es nicht einmal nachrichtlich.

Aus: Conrad Taler, Der braune Faden. PapyRossa Verlag, Köln 2005, 23 Seiten

 

Kein Freibrief
Zum Karlsruher Urteil über Auslandseinsätze der Bundeswehr


Es ist eines der längsten Urteile, das ein deutsches Gericht jemals nach dem zweiten Weltkrieg gefällt hat. Denkwürdige 108 Druckseiten brauchte das Bundesverfassungsgericht, um zu begründen, dass sich aus dem Grundgesetz etwas herauslesen lässt, was nicht drinsteht, nämlich dass deutsche Soldaten unter gewissen Voraussetzungen außerhalb Deutschlands, ja sogar außerhalb des Natogebietes, für Zwecke eingesetzt werden dürfen, die mit der Landesverteidigung nicht zu tun haben.. So beginnt ein Essay, in dem der Verfasser zu dem Schluss kommt, Bundestag und Bundesregierung hätten sich bei den Kriegseinsätzen gegen Jugoslawien und Afghanistan (Operation Enduring Freedom) über das so genannte out-of-area-Urteil vom 12. Juli 1994 hinweggesetzt und damit verfassungswidrig gehandelt.

Aus: Conrad Taler, Der braune Faden. PapyRossa Verlag: Köln 2005, 6 Seiten

 

Die Bagatellisierung des Antisemitismus
Aus dem Sündenregister der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft


Dieser Rückblick auf den Umgang der westdeutschen politischen Klasse mit den ständig wiederkehrenden Schändungen jüdischer Friedhöfe und anderer Einrichtungen offenbart das ganze Ausmaß der Versäumnisse bei der Bekämpfung neonazistischer Umtriebe. Angefangen von der Behauptung, die Hakenkreuzschmierereien seien das Werk kommunistischer Geheimdienste bis hin zu der Aussage eines CDU- Bundestagsabgeordneten, auch die Juden müssten als Tätervolk angesehen werden, zieht sich – unbeschadet aller offiziellen Verdammungsurteile – die Bagatellisierung des Antisemitismus wie ein roter Faden durch die deutsche Nachkriegsgeschichte. Mit 13.985 Delikten erreichten die rechtsextremen Straftaten 2008 ein Rekordniveau.

Aus: Conrad Taler, Der braune Faden. PapyRossa Verlag: Köln 2005, 21 Seiten

 

Erinnern an Auschwitz – warum?
Ein Versuch, junge Menschen gegen Naziparolen zu immunisieren


Nach mehreren Vorträgen an einer niedersächsischen Integrierten Gesamtschule hat der Verfasser auf Empfehlung des Senators für Bildung und Wissenschaft im Bundesland Bremen seine Eindrücke vom Frankfurter Prozess gegen Mitschuldige am Massenmord von Auschwitz auch an Schüler in Bremen weitergegeben. Ausgangspunkt war die Überlegung, junge Menschen durch das Wissen um dieses Verbrechen und seine Vorgeschichte gegen rechtsradikale und neonazistische Parolen zu immunisieren. Wer weiß, so seine These, was der fabrikmäßigen Tötung unschuldiger Menschen vorausgegangen ist, wird sich entschieden gegen neuerliche Versuche zur Ausgrenzung von Minderheiten – unter welchen Vorzeichen auch immer – zur Wehr setzen.

Vortrag vor Schülern des Gymnasiums Hamburger Straße, Bremen, 14. November 2007

 

Über die Kausalität von Krieg und Vertreibung Persönliche Erinnerungen und Reflexionen

Erweiterter Text eines Vortrages, gehalten im Juni 2005 auf einer internationalen Tagung von Historikern, zu der die Carl-von-Ossietzky-Universität und die Stadt Oldenburg eingeladen hatten. Das Thema lautete: Hundert Jahre sudetendeutsche Geschichte. Gestützt auf eigenes Erleben schilderte der Autor das Zusammenspiel der sudetendeutschen Volkstumspolitiker mit Hitler bei der Zerstörung der Tschechoslowakischen Republik und die daraus resultierende Ausweisung von drei Millionen Deutschen nach Kriegsende. Sein Fazit: Hätte es den zweiten Weltkrieg nicht gegeben, wäre es niemals zur Vertreibung gekommen. In Deutschland lebte der aus einer antifaschistischen Familie stammende Verfasser in politischer Gegnerschaft zur Sudetendeutschen Landsmannschaft und deren antislawischen völkischen Traditionen.

Aus: Hundert Jahre sudetendeutsche Geschichte. Peter Lang GmbH. Internationaler Verlag der Wissenschaften: Frankfurt am Main 2007, 17 Seiten

 

Landschaft mit Abgrund
Streifzug durch die Vertriebenen-Zeitschrift „Riesengebirgsheimat“


Wie sieht die Seelenlandschaft der in der sudetendeutschen Landsmannschaft organisierten ehemaligen Bewohner des sagenumwobenen Riesengebirges aus, sechzig Jahre nachdem sie ihre Heimat verlassen mussten? Um Antwort darauf zu finden, hat der Verfasser zwei Jahrgänge der Vertriebenenzeitschrift „Riesengebirgsheimat“ durchforstet. Nach seinem Eindruck sind die Wunden, die Deutsche und Tschechen sich gegenseitig zugefügt haben, noch nicht verheilt. Die meisten politischen Beiträge der monatlich erscheinenden Zeitschrift sind nach seinem Eindruck geprägt von altem Überlegenheitsdünkel und mangelnder Einsicht in die Mitschuld der Deutschen am Geschehen nach dem zweiten Weltkrieg.

Aus: Conrad Taler, Verstaube Kulisse Heimat. PapyRossa Verlag: Köln 2007, 31 Seiten

 

So war das mit der Fünften Kolonne
Vom historischen Ursprung eines politischen Begriffs


Selbst ein sozialdemokratischer Bundeskanzler hielt es für eine politische Entgleisung, als ein Mitglied der Prager Regierung die Sudetendeutschen als Fünfte Kolonne Hitlers bezeichnete. Aus Anlass des Jahrestages der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten erinnerte Conrad Taler an den historischen Ursprung des Begriffs, der völlig zutreffend die Rolle der Sudetendeutschen als Sympathisanten Hitlers beschreibt, wie nicht zuletzt die Filmaufnahmen jubelnder Menschenmengen beim Einmarsch Hitlers in das Sudetenland beweisen. Ohne Kenntnis dieser Zusammenhänge lässt sich das spätere Vorgehen der tschechischen Regierung gegen die deutsche Minderheit historisch nicht einordnen.

Vortrag im Bremer Gewerkschaftshaus, 30. Januar 2008

 

Volk mit Seelenschaden
Vom deutschen Hass auf Juden und Kommunisten


Selbst unter dem frischen Eindruck der schockierenden Nachrichten vom Massenmord an den Juden waren 17 Prozent der Westdeutschen der Ansicht, die Juden hätten von allen Bevölkerungsgruppen das geringste Anrecht auf Hilfe. Auch Jahrzehnte später hatte sich – wie der Verfasser dieses Essays anhand von Umfrage-Ergebnissen nachweist – die Haltung gegenüber den Juden bei etwa 20 Prozent der Deutschen nicht geändert hat. Nur gegenüber den Kommunisten bestehen ähnlich tief sitzende Ressentiments. Während die offizielle Politik Antisemitismus entschieden verurteilt, ist der überlieferte Antikommunismus Teil der Staatsdoktrin geblieben. Einen Höhepunkt erreichte er beim Untergang der DDR, als die bundesdeutsche Justiz in Umkehrung ihrer gesamten Rechtsprechung nach dem Freispruch für die Nazijustiz nunmehr den Richtern der ehemaligen DDR den Prozess machte.

Blätter für deutsche und internationale Politik, erschienen unter der Überschrift „Der braune Faden“, Heft 4 / 2010, 9 Seiten

 

Die Entkopplung von Krieg und Vertreibung
Das Weltbild des Direktors der Berlin Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“


In diesem Essay wird der Direktor der staatlich finanzierten Vertreibungs-Stiftung, Manfred Kittel, des Versuchs überführt, die Vorgeschichte des Vertreibungsgeschehens nach dem zweiten Weltkrieg von den Naziverbrechen abzukoppeln und als Resultat fehlerhaften Verhaltens der Siegermächte des ersten Weltkriegs dazustellen. Anhand der Publikationen Kittels kommt der Autor zu dem Schluss, dass durch die Umkehr von Ursache und Wirkung ein Geschichtsbild etabliert werden soll, das mit der neuen Rolle Deutschlands in der Weltpolitik konform geht. Der Aufsatz erregte im In-und Ausland großes Aufsehen.

Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 1 / 2010, 16 Seiten

 

60 Jahre Charta der deutschen Heimatvertriebenen
Über Ursprung und Rezeption eines umstrittenen Dokuments


Anhand der Vita maßgeblicher Vertriebenenfunktionäre belegt der Verfasser seine These, dass es sich bei der Charta der deutschen Heimatvertriebenen weniger um ein Dokument des Verzichts auf Rache und Vergeltung handelt, sondern um ein Dokument des Verdrängens der eigenen Mitschuld am Vertreibungsgeschehen nach dem zweiten Weltkrieg. Heute gäben zwar nicht mehr Ex-Nazis bei den Vertriebenen den Ton an, aber die alten Vorurteile gegenüber den slawischen Nachbarn bestimmten nach wie vor das politische Konzept der Vertriebenenfunktionäre. Angesichts der sozialen Eingliederung der Vertriebenen und der Aussöhnung mit den Nachbarn im Osten sollte der Bund der Vertriebenen nicht länger mit Steuergeldern am Leben gehalten werden, sondern sich, wie schon vor Jahren der Verband der Heimkehrer und Kriegsgefangenen, auflösen.

Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 9 / 2010, 14 Seiten

 

Leichen im Keller?
Mutmaßungen zum restriktiven Umgang Karlsruhes mit den Akten zum KPD-Verbot


Welchen Grund hat das Bundesverfassungsgericht, Verfahrensakten mehr als ein halbes Jahrhundert lang unter Verschluss zu halten? Anlass, dieser Frage nachzugehen, war ein Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem es hieß, das Bundesverfassungsgericht wolle unter anderem für die Akten über das Verbotsverfahren gegen die Kommunistische Partei Deutschlands eine Sperrfrist von 90 Jahren verhängen. Der Verfasser bezweifelt, dass der Umgang mit den Akten etwas mit dem Gericht selbst zu tun. Vielmehr dürfte es nach seiner Ansicht darum gehen, die Regierung unter Konrad Adenauer aus Gründen der Staatsräson vor dem Vorwurf zu schützen, sie habe zur Durchsetzung politischer Ziele Druck auf das Verfassungsgericht ausgeübt. Der auf Stasi-Akten gemünzte Satz von Joachim Gauck, aus Akteneinsicht könnten „tief reichende historische, aber auch persönliche Einsichten“ erwachsen, sollte auch für Akten zur Geschichte der Bundesrepublik gelten.

Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 10/ 2011.

 

Skandal ohne Ende
Deutscher Umgang mit dem Rechtsextremismus


Unter diesem Titel erschien im Herbst 2012 ein weiteres Buch von Conrad Taler. Der Verfasser beleuchtet darin vor dem Hintergrund der Mordserie einer rechtsextremistischen Terrorgruppe namens „Nationalsozialistischer Untergrund“ die lange Geschichte der Verharmlosung neonazistischer Umtriebe in der Bundesrepublik Deutschland. Anhand einer Fülle von Beispielen widerlegt er die Behauptung, das Versagen von Polizei und Verfassungsschutz in diesem Fall sei eine „Panne“ gewesen. In Wirklichkeit handle es sich um einen der größten politischen Skandale der Nachkriegszeit, verursacht durch die einseitige Fixierung der Sicherheitsbehörden auf die Bekämpfung vermeintlich linksextremistischer Bestrebungen.

PapyRossa Verlag: Köln 2012, 175 Seiten.

 

Im Wirrwarr der Meinungen
Zwei deutsche Antifaschisten und ihre Stimmen


In diesem Buch kommen zwei Deutsche zu Wort, die zu den Wenigen gehören, die sich 1938 dem Jubel der überwiegenden Mehrheit ihrer sudetendeutschen Landsleute beim Einmarsch der Truppen Hitlers in die Randgebiete der Tschechoslowakischen Republik nicht angeschlossen haben. Hervorzuheben ist insbesondere der Briefwechsel zwischen dem Antifaschisten Eugen Nelhiebel und seinem damals 17jährigen Sohn Kurt nach dessen Einberufung zur Deutschen Wehrmacht. Die einmaligen Texte beleuchten ein historisches Geschehen, das immer noch von NS-Propaganda und völkischem Denken überschattet ist. Weitere Dokumente und Essays behandeln das schwierige Weiterleben antifaschistischer Traditionen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

Peter Lang, Internationaler Verlag der Wissenschaften: Frankfurt/Main 2013, 315 Seiten.

 

Über die innere Unordentlichkeit der Deutschen
Rede zur Verleihung des Kultur- und Friedenspreises der Villa Ichon in Bremen


In seiner Dankesrede hält Kurt Nelhiebel Rückschau auf die deutsche Nachkriegsgeschichte und das eigene Leben. Den Titel seines Vortrages geht auf Sándor Márais zurück. Der ungarische Dramatiker stellt in seinem Roman „Bekenntnisse eines Bürgers“ den „erbarmungslosen Ordnungsdrang“ der Deutschen deren „innerer Unordentlichkeit“ gegenüber. Er fragt nach den Gründen der Milde der Justiz gegenüber Dienern des nationalsozialistischen Unrechtsstaates und der Härte gegenüber ehemaligen SED-Staats- und Parteifunktionären. Dass es Montagsdemonstrationen gegen das kommunistische Regime in der DDR, nicht aber gegen das Naziregime gegeben habe, sei Ausdruck der inneren Unordentlichkeit der Deutschen.

Gehalten am 15. März 2014 in Bremen, 25.200 Zeichen

 

Fallgruben politisch motivierten Erinnerns
Anmerkungen zum Gedenktag für die Opfer aller totalitären Regime


Unbemerkt von der Öffentlichkeit beschloss das Europäische Parlament am 2. April 2009 auf Drängen antikommunistischer Aktivisten aus osteuropäischen Ländern, den 23. August, den Tag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes von 1939, künftig als Gedenktag für die Opfer aller totalitären Regime zu begehen. Kurt Nelhiebel hält dem entgegen, dass ein verordneter Antikommunismus für das vereinte Europa ebenso wenig als sinnstiftende Grundlage tauge, wie der verordnete Antifaschismus den inneren Zusammenhalt der DDR zu befördern vermochte. Die Erinnerungen der Menschen in Ost- und in Westeuropa seien viel zu verschieden, als dass ihnen ein vereinheitlichtes Gedenken überstülpt werden könnte.

Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 7/8, 2014.

 

Hände weg von Fritz Bauer!
Über untaugliche Versuche, eine historische Gestalt zu demontieren


Am Beispiel eine Reihe von Aufsätzen aus der Feder des Leiters der Dokumentation des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt am Main, Werner Renz, dokumentiert Kurt Nelhiebel dessen Versuche, die Rolle des 1968 verstorbenen hessischen Generalstaatsanwalts bei der Aufarbeitung des NS-Vergangenheit herunterzuspielen und den von Bauer initiierten Auschwitz-Prozesses in Frage zu stellen. Im Zentrum seiner Kritik steht die Behauptung von Renz, in der bundesrepublikanischen Gesellschaft habe es in Sachen Auschwitz weder ein Strafbedürfnis gegeben, noch wären Rechtfriede und die Rechtsordnung ohne Bestrafung der „Handlanger“ gefährdet gewesen, zumal da sich die ehemaligen Täter später untadelig verhalten hätten.

Internetseite Weltexpresso 21. August 2014, Länge: 25.000 Zeichen

 

Die Nestbeschützer
Über den Umgang des Fritz-Bauer-Instituts mit seinem Namensgeber


In einem groß aufgemachten Artikel der Berliner Zeitung „Tagesspiegel“ wirft Kurt Nelhiebel dem Fritz-Bauer-Institut vor, Fritz Bauer als politischen Menschen zu negieren. Dem Institut scheine es an Respekt vor Bauer zu fehlen; vor einem Mann, der nach den Worten des Verfassungsgerichtspräsidenten Andreas Vosskuhle an der deutschen Geschichte mitgeschrieben und sie zum Guten hin beeinflusst habe. Dass Zweifel am Lebenswerk Fritz Bauers gesät würden, hänge mit dem „Klima einer Restauration“ zusammen. Das Institut nehme zu Unrecht und im Widerspruch zum Erbe Fritz Bauers die alleinige Deutungshoheit über seinen Namensgeber in Anspruch und boykottiere davon abweichende künstlerische und publizistische Werke.

Tagesspiegel, 8. Dezember 2014, Dreiviertel Seite

 

Offizielles Gedenken und politische Wirklichkeit
50 Jahre nach dem Auschwitz-Prozess


In dieser Rückschau auf ein halbes Jahrhundert deutscher Innenpolitik werden die Versäumnisse bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus und die vom hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer so bezeichnete „unbußfertige Verschwörung des allgemeinen Nichtwissens“ beleuchtet. Nach Meinung des Autors wird die politische Wirklichkeit ungeachtet gegenteiliger Bekenntnisse von einer Schwamm-drüber-Mentalität“ beherrscht. Mit dem Auschwitz-Prozess habe Fritz Bauer dem Vergessen einen Riegel vorschieben wollen. Seine Warnung „Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden“ sei aktuell wie eh und je.

Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Dezember 2015, 24.700 Zeichen

 

Versuch an einem untauglichen Objekt
Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung


Personelle Querelen und inhaltliche Auseinandersetzungen begleiteten von Beginn an den Weg der bundeseigenen Stiftung. Vorläufiger Höhepunkt war die Abberufung des nationalkonservativen Historikers Manfred Kittel als Gründungsdirektor, dessen auf einem deutsch-völkischen Geschichtsbild beruhendes Konzept Kurt Nelhiebel von Anbeginn kritisiert hat. Mit dem Odium behaftet, als Antwort auf das Denkmal für die ermordeten Juden Europas gegründet worden zu sein, eigne sich die Vertreibungsstiftung nicht als Beitrag zur Versöhnung; sie sei ein Versuch am untauglichen Objekt. Die Vertreibung könne aus ihrem historischen Kontext nicht herausgelöst werden.

Aus: Verständigung und Versöhnung nach dem „Zivilisationsbruch?“, Hrsg. v. Corine Defrance, Ulrich Pfeil, Peter Lang: Frankfurt am Main 2016, Umfang: 36.200 Zeichen


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