ZEITGESCHICHTLICHE PORTRÄTS

Dass er „gegen den Zeitgeist angeschrieben habe“, sagte Kurt Nelhiebel von sich, sei „kein besonderes Verdienst. Das haben auch andere gemacht.“ Was ihn ein bisschen unterscheidet ist sein langer Atem.


In einem Brief schrieb er: „Am liebsten würde ich den Leuten zurufen: Hört mir endlich mal zu. Ich bin doch in all den Jahren überhaupt nicht wahrgenommen worden und daran wird sich auch nichts ändern. Ich habe zwar viel veröffentlicht, aber alles blieb ohne Echo. Ein Rufer in der Wüste, ein Museumsstück.“

Vielen antifaschistischen Kämpferinnen und Kämpfern erging es ähnlich, ganz gleich, welcher politischen Partei oder Gruppierung sie angehörten. Dr. Fritz M. Bauer (1903-1968) blieb bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts ein nahezu Unbekannter. Wer kennt schon den Namen Alfred Hausser (1912-2003)? Oder wer kennt den Namen des Juristen Heinrich Hannover, oben auf dem Bild zusammen mit Kurt Nelhiebel bei einem Treffen im Jahr 2016.

Kurt Nelhiebel hat denjenigen, die sich gegen Faschismus und Revanchismus engagierten, immer wieder seine Stimme verliehen und sie gewürdigt. Nun ist ihm die Rolle eines Zeitzeugen zugewachsen, dessen Wort möglicher Weise ein anderes Gewicht hat. Über die Begegnung mit Heinrich Hannover hielt er fest:

 

Unvergesslicher Tag

Ein Besuch bei Heinrich Hannover


Es hat eine Weile gedauert, bis wir uns auf einen Termin geeinigt hatten. Das lag nicht an anderweitigen Verpflichtungen und auch nicht an der Entfernung. Von Bremen aus ist man mit dem Auto in knapp einer Stunde in Worpswede, dem postalischen Wohnort von Heinrich Hannover. In Wirklichkeit wohnt er weit draußen auf dem Lande in der Nähe des Teufelsmoores, dort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen und nur noch Feldwege weiterführen in die Landschaft mit dem fernen Horizont.

Mit Hilfe von Landkarten und Satellitenaufnahmen hatte ich mir eine Fahrtroute zurechtgelegt, die sich bei näherer Betrachtung als nicht sonderlich hilfreich erwies und von Heinrich Hannover rundweg verworfen wurde. Ich hatte sie ihm per E-Mail beschrieben und er antwortete darauf mit einer handschriftlich angefertigten Wegeskizze. Sie führte mich problemlos und überraschend schnell ans Ziel, über mir ein blauer Mai-Himmel mit dicken weißen Wolken, ein Himmel, so hoch und so weit, wie er nur hier anzutreffen ist. Die Bleibe Heinrich Hannovers entdeckte ich nach zweimaligem Hinsehen versteckt hinter Bäumen und Büschen. In ihrer unauffälligen geduckten Bescheidenheit gleicht sie eher der verwunschenen Herberge eines Eremiten, als dem Haus eines über die Grenzen des Landes hinaus bekannten Strafverteidigers und Kinderbuchautors, der zu den prägenden Gestalten der deutschen Nachkriegsgeschichte gehört. Und dann stand er auch schon vor mir im Türrahmen, groß, schlank, ein wenig gebeugt, und hieß mich willkommen.

Das erste Mal waren wir uns vor einem Menschenalter in Frankfurt am Main begegnet, wo sich alljährlich ein Kreis von unbequemen Rechtsanwälten versammelte, die während des Kalten Krieges Gegner der Wiederbewaffnung, Pazifisten und Kommunisten, vor Gericht verteidigten. Seither hatten wir uns nie aus den Augen verloren. Was Heinrich Hannover 1998 in seinem Buch „Die Republik vor Gericht“ zu berichten wusste, war für mich als Journalisten ebenso wichtig, wie sein 1966 zusammen mit seiner 2009 verstorbenen Frau Elisabeth Hannover-Drück verfasstes Buch über die politische Justiz zwischen 1918 und 1933. Als ich nach der Vereinigung Deutschlands unter meinem Autorennamen Conrad Taler den Rachefeldzug der bundesdeutschen Justiz gegen die verhassten Juristen-Kollegen aus der DDR unter die Lupe nahm und darüber ein Buch mit dem Titel „Zweierlei Maß“ schrieb, steuerte Heinrich Hannover ein Vorwort bei, in dem er in gewohnter Deutlichkeit bekannte: „Conrad Talers Buch steht quer zur Strömung eines Zeitgeistes, der über Recht und Unrecht Bescheid zu wissen glaubt. Wer es liest, dem werden einige Zweifel kommen, ob Anspruch und Wirklichkeit unseres Rechtsstaates tatsächlich übereinstimmen.“

Wir hatten also Einiges zu bereden, als wir im Arbeitszimmer des Gastgebers saßen, von wo aus der Blick hinaus geht in die unendliche Weite der Worpsweder Landschaft. Ungeachtet der Beeinträchtigung durch seine schwächer gewordenen Augen strahlte der 91Jährige während des langen Gesprächs eine mit wachem Verstand und politischem Scharfsinn unterlegte gelassene Heiterkeit aus. Hartnäckig bestand er darauf, dass mir seine jetzige Frau Doris eine Rede vorliest, die er demnächst bei einer öffentlichen Veranstaltung halten wollte. Eine Gedenktafel sollte enthüllt werden zur Erinnerung an die Beschlagnahme eines alten Bremer Gebäudes durch die Nazis, das während der Weimarer Zeit ein Regionalbüro der Kommunistischen Partei Deutschlands beherbergte, und das „Rote Haus“ genannt wurde. Ob mir die Rede gefiele, wollte Heinrich Hannover am Schluss wissen. Als ich das bejahte, meinte er: „Dann halte ich sie so“.

Fünf Tage nach meinem Besuch haben mich die Veranstalter auf Heinrich Hannovers Wunsch hin zu der Veranstaltung eingeladen. So wird es doch rascher als gedacht zu einem Wiedersehen kommen. Für ein Abschiedsfoto legte Heinrich Hannover mir draußen vor der Tür seinen Arm um die Schultern. Die Sonne war inzwischen tiefer gesunken und in den Ästen über uns sang eine Amsel ihr erstes Abendlied. Ins Gästebuch hatte ich mich mit dem Satz eingetragen: Ein unvergesslicher Tag.

17. Mai 2016

 
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