ZUM AUSGANG DER WAHL IM SAARLAND

Kalte Dusche für die SPD


Bremen (Weltexpresso) - Wie sähe die Welt heute aus, wenn SPD und Linkspartei die CDU im Saarland ausgebootet hätten? Wären die Brötchen heute billiger? Mit Sicherheit nicht. Immerhin hatte der Wahlabend einen Unterhaltungswert, der manchen „Tatort“ blass aussehen lässt; noch wenige Minuten vor Bekanntgabe der Wahlprognose hatte die CDU einen Sieg der beiden linken Parteien für durchaus möglich gehalten.

Zuzuschreiben ist das den Meinungsforschungsinstituten, die sich wieder einmal grandios geirrt haben. Über die Gründe darf gerätselt werden. Schwindeln ihnen die Befragten, auf deren Angaben ihre Aussagen ja beruhen, etwas vor? Oder waren es die bis zum Schluss Unentschlossenen, die weder wussten, wen sie wählen, noch ob sie überhaupt zur Wahl gehen, die das Ergebnis bestimmt haben? Da dürfte der Hund begraben liegen. So wie es aussieht, hat die gestiegene Wahlbeteiligung den Ausschlag gegeben. Allem Anschein waren es hauptsächlich Anhänger der CDU, die es an die Urnen getrieben hat. Jedenfalls haben die Christdemokraten als Einzige Stimmen dazu gewonnen.

Bleibt die Frage, was die Unentschlossenen aus ihrer Lethargie herausgerissen hat. Der vermeintliche Höhenflug der SPD nach der Implementierung von Martin Schulz an der Parteispitze dürfte es kaum gewesen sein. Als Schreckgespenst taugen die Sozialdemokraten an der Saar nicht. Dass sie mit der Linkspartei und Oskar Lafontaine geliebäugelt haben, dürfte manche SPD-Wähler zwar verunsichert haben, entscheidend beeinflusst hat das die Wahlbeteiligung vermutlich nicht. Da spielten ganz andere Dinge eine Rolle, und sie haben nur vordergründig mit der AfD zu tun, deren Wortführer Gauland die Partei am Wahlabend vor laufenden Kameras in aller Seelenruhe als populistisch bezeichnet hat. Das Fürchten gelehrt hat die Menschen nicht nur in Deutschland, sondern auch anderswo der Polterer Donald Trump, wie der unerwartete Rückgang des Einflusses der Populisten in Österreich und den Niederlanden gezeigt hat.

Die Schockwellen seiner Regentschaft haben Abermillionen Menschen in Existenzangst versetzt. Auch die Menschen im Saarland. 85 Prozent von ihnen haben vor der Wahl bei einer Umfrage bekundet, dass es ihnen gut geht. Verständlicherweise liegt ihnen daran, dass das so bleibt. An politischen Veränderungen sind die wenigsten von ihnen interessiert. Der Ruf nach mehr sozialer Gerechtigkeit kommt ihnen weit hergeholt vor. Dass davon hauptsächlich die von der CDU gestellte Ministerpräsidenten Annegret Kramp-Karrenbauer profitiert hat, nicht aber ihre sozialdemokratische Stellvertreterin Anke Rehlinger, liegt in der Natur der Sache, denn die wollte ja was verändern, was nicht allen einleuchtete angesichts des Wohlstands im Lande.

Was Martin Schulz angeht, den neuen Hoffnungsträger der SPD, so hat er sich am Wahlabend mit Plattitüden aus der Welt des Sports recht und schlecht über Wasser gehalten. Der Rausch, den er bei seinen Parteifreunden hervorgerufen hat, dürfte jedenfalls verflogen sein, zumal da die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen als drohende Wolke über der politischen Landschaft steht. Dort spielt das Problem der Zuwanderer aus islamischen Ländern eine weitaus bedeutendere Rolle als das im Saarland der Fall war. Ähnliches gilt für das Thema soziale Gerechtigkeit. In beiden Fällen muss die SPD an Rhein und Ruhr mit heftigem Gegenwind rechnen. Ob die sozialdemokratische Regierungschefin Hannelore Kraft die Probleme durch ihre Beliebtheitswerte auffangen kann, steht dahin. Kalte Duschen können ja auch belebend wirken.

Weltexpresso, 27. 3. 2017


 
PANEM ET CIRCENSES

Über Martin Schulz, Donald Trump, Martin Luther King und Bertolt Brecht


Bremen (Weltexpresso) - Liebe Leute, damit wir uns richtig verstehen: Ich werfe Martin Schulz nicht vor, dass er sich um die kleinen Leute kümmern will, um die Familien, um die Zurückgebliebenen; daran hat es ja bei der SPD seit Gerhard Schröder gemangelt.

Der kam zwar aus einfachen Verhältnissen, mutierte aber ganz schnell zu einem Liebediener der Reichen und sonnte sich am Ende gar darin, als "Genosse der Bosse" bezeichnet zu werden. Den schlechten Ruf, den sich die SPD damit eingehandelt hat, wird sie so schnell nicht loswerden, wobei ich das kurze Gedächtnis der Menschen, dieses Mistbeet, auf dem politischer Unrat so prächtig gedeiht, nicht außer Acht lasse.

Die SPD trete an, "um dieses Land zu führen", verkündete Martin Schulz. Das Foto, das die Süddeutsche Zeitung dazu am 26. Januar auf der ersten Seite veröffentlicht hat, vermittelt den Eindruck, als wäre das Ganze für ihn und seine Mitstreiter eine einzige Gaudi. Was Neil Postman dem Fernsehen vorgehalten hat, nämlich dass es "jedes Thema als Unterhaltung präsentiert", das trifft inzwischen auf Politiker jeglicher Couleur zu. Sie wollen Aufmerksamkeit erwecken, wollen die Menschen amüsieren und bei Laune halten. So lassen sie sich am besten regieren. Das wussten schon die alten Römer mit ihrem panem et
circenses. Bis hin zu Bert Brecht hat sich daran nichts geändert. "Theater muss Spaß machen", war seine Devise, und er hatte ja Recht damit. Moralinsaures abgedriftetes Gequatsche wollen die Zuschauer im Theater nicht hören, daran haben nur die gelangweilten Kritiker ihren Spaß, weil sie dann etwas zu schreiben haben.

Donald Trump hat das anscheinend instinktiv kapiert. Allein wie er sich frisiert und kleidet lässt darauf schließen, dass er provozieren und auf Teufel komm raus Aufsehen erregen will. Seine abfälligen Äußerungen über Frauen gehören ebenso dazu. Die meisten sehen ihm das nach, so wie sie Berlusconi sein "Bunga Bunga" nachgesehen haben. Manche Männer wären ja gern selber so potent wie die beiden sich aufspielen. Trump hat noch etwas anderes kapiert: Um jemanden für sich zu gewinnen, führt der kürzeste Weg in der Regel nicht über den Kopf und den Verstand, sondern über den Bauch. Ich wünschte, die Linken kapierten das endlich auch. Die Gefahr, in seichte Gewässer zu geraten, darf man dabei jedoch nicht aus den Augen verlieren.

Konrad Adenauer, der alte Fuchs, wusste das. Seine Devise lautete: Man muss die Menschen nehmen wie sie sind, es gibt keine anderen. Karl Marx hat sich anders ausgedrückt: Das Wesen eines Menschen sei "das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse". Wie war es möglich, dass ein offensichtlich schlicht gestrickter Milliardär wie Donald Trump ausgerechnet bei so vielen ärmeren Menschen ein offenes Ohr gefunden hat, er, der doch einem ganz anderen Milieu entspringt? Er hat den Träumen dieser Menschen Flügel verliehen. "Wir werden unsere Träume zurückbringen", versprach er in seiner Antrittsrede. Mit dem "wir" vermittelte er den "Vergessenen" das Gefühl, einer der ihren zu sein. "Wir müssen groß denken und noch größer träumen." Und er setzte noch einen drauf: "Ihr sollt niemals wieder ignoriert werden. Eure Stimmen, eure Hoffnung, eure Träume machen Amerikas Schicksal aus."

Kein Grund, abfällig die Mundwinkel nach unten zu ziehen. Das ist dieselbe Sprache, die Martin Luther King 1963 beim Marsch auf Washington gesprochen hat, als er vor 250 000 Menschen dazu aufrief, sich "aus dem dunklen und trostlosen Tal der Rassentrennung zum sonnenbestrahlten Pfad der Rassengerechtigkeit zu erheben. Es ist ein Traum, der seine Wurzel tief im amerikanischen Traum hat, dass alle Menschen gleich geschaffen sind." Nicht weniger als acht Mal wiederholte er das legendäre "I have a dream". Müßig zu erwähnen, dass Martin Luther King andere Motive bewegten. Donald Trump verabschiedet sich mit seiner bildhaften Sprache nicht von der Gesellschaftsschicht der Superreichen, die bisher die Geschicke Amerikas bestimmt hat und sie auch weiterhin bestimmen wird. Aber wahrscheinlich spürt er, dass die Zeit gekommen ist, sich um des Selbsterhalts willen diejenigen zu Freunden zu machen, die seine natürlichen Gegner sind und bleiben werden.

Vielleicht spürt auch Martin Schulz, dass wir an einer Zeitenwende stehen. Wenn er es ernst meint mit dem Satz "Die SPD tritt an, um dieses Land zu regieren", wird er sich Verbündete suchen müssen. Ohne sie bleibt sein Versprechen, für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen zu wollen, Schall und Rauch. Ich wünschte, er fände sie.


Weltexpresso
, 6. Februar 2017



TRUMP ANTE PORTAS

(Conrad Taler)


Es gibt in der menschlichen Natur neben der Vernunft auch das, was der Volksmund das Bauchgefühl nennt. Nur dort wo sich staatliche Macht zusammenballt gibt es das Bauchgefühl nicht. So entstehen dann Situationen, in denen viele ziemlich belämmert dastehen, so wie nach dem Wahlsieg Donald Trumps. Die kapitalistischen Eliten in den USA – aber nicht nur dort – wollen einfach nicht wahr haben, dass sich zwischen ihnen und großen Teilen der Bevölkerung eine Entfremdung breit gemacht hat, die sich irgendwann politisch entlädt.

Zwei Dinge sind es, die diese Entfremdung bewirken: Zunehmende soziale Unsicherheit und das Gefühl einer Bedrohung der eigenen Identität durch den Zustrom fremder Menschen, von Menschen, die noch ärmer sind als die Ärmsten im Lande, aber anders aussehen und einer anderen Kultur angehören. Donald Trump hat es verstanden, die Unzufriedenheit mit der eigenen Regierung in eine Richtung zu lenken, die für ihn, den Milliardär, und Seinesgleichen ungefährlich ist: Weg von den Reichen und hin zu den armen Schluckern, die aus Mexiko oder sonst woher in die USA strömen, um dort ein besseres Leben zu suchen.

Die Entzauberung Donald Trumps wird nicht lange auf sich warten lassen, denn die Ursachen für den wachsenden Reichtum auf der einen Seite und die wachsende Armut auf der anderen bestehen ja weiter. Was das außenpolitische Getöse betrifft, mit dem Trump seine Anhänger beeindrucken konnte, so werden es die Finanzjongleure an den Börsen der USA eine Zeit lang tolerieren, ehe sie ihm bedeuten, dass dem schnellen Profit keine Hindernisse in den Weg gelegt werden dürfen. Auch Barack Obama wurde ganz schnell in seine Grenzen verwiesen.

Das eigentliche Problem sowohl in den USA als auch anderswo sind nicht die Leute vom Schlage eines Donald Trump, Victor Orban oder Marine Le Pen; deren Parolen gedeihen schließlich nur auf dem Boden, den andere für sie bereitet haben. Das eigentliche Problem sind die demokratischen Politiker, die sich blind und taub stellen gegenüber dem Unbehagen und dem dumpfen Gefühl vieler Menschen, nicht ernst genommen zu werden, niemanden zu haben, der sich der eigenen Sorgen annimmt. Dass so viele Menschen nicht wählen gehen oder sich für eine Partei entscheiden, die sich als Alternative zum politischen Mainstream bezeichnet, resultiert aus diesem Gefühl der Ohnmacht.

Statt sich Gedanken darüber zu machen, wie gewährleistet werden kann, dass die Schüler in Deutschland nicht in maroden Schulen und überfüllten Klassen unterrichtet werden müssen, statt dafür zu sorgen, dass niemand so gering entlohnt wird, dass er auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, verschwenden die Bundesminister für Auswärtiges, Wirtschaft und Verteidigung in Berlin ihre Gedanken auf ein neues Rüstungskonzept, das Milliarden Euro verschlingen wird. Das klingt jetzt vielleicht nicht sehr hilfreich angesichts der Probleme, die mit Donald Trump auf Deutschland und Europa zukommen, aber es hängt ursächlich mit den Problemen zusammen, um die es bei der Wahl in Amerika ging und um die es auch hierzulande geht.


9. November 2016


 

JOHN LE CARRÉ ERZÄHLT GESCHICHTEN AUS SEINEM LEBEN

MIT EINER TRÄNE IM KNOPFLOCH


Kurt Nelhiebel


Es gibt nur wenige Autoren, deren Name so eng mit einer zeitgeschichtlichen Epoche verbunden ist, wie der von John le Carré. Wer den Namen liest, assoziiert ihn mit dem „Spion der aus der Kälte kam“. Das Buch und der gleichnamige Film handeln vom Kalten Krieg zwischen Ost und West und einer der nichtsnutzigsten Einrichtungen, die sich die Menschheit jemals hat einfallen lassen, den Geheimdiensten. Weder haben sie jemals Gutes bewirkt noch Schlechtes verhindert, immer haben sie nur Misstrauen gesät und Unruhe gestiftet, Bösewichte am Ruder gehalten und gestürzt, wie es gerade passte. Und wenn es wirklich einmal darauf ankam, konnte sich die eigene Regierung nicht auf sie verlassen. Sie lieferten Mitarbeiter im Bedarfsfall gnadenlos der jeweils anderen Seite aus oder benutzten sie als menschliche Tauschware.

Ein von mir geschätzter inzwischen verstorbener Journalist und Berufskollege ließ sich dereinst vom amerikanischen Geheimdienst beschwatzen, in der DDR die Autonummern sowjetischer Militärfahrzeuge zu notieren und an den Westen weiterzugeben. Die DDR ist daran nicht zugrunde gegangen, aber der gute Mann saß deswegen viele Jahre in einem sibirischen Arbeitslager. Als dann die DDR ohne Gegenwehr von der weltpolitischen Bühne abtrat, traf ihr Untergang den Westen völlig unvorbereitet. Weder der Bundesnachrichtendienst noch einer der vielen anderen Geheimdienste hatte mitbekommen, wie verunsichert die Staats- und Parteiführung durch die Politik der Perestroika Michael Gorbatschows tatsächlich war.

Als Terroristen am 11. September 2001 in den USA gleich vier Passagierflugzeuge an einem Tag kaperten und als Waffen gegen die mächtigste Militärmacht der Welt einsetzten, musste die Regierung tatenlos zusehen. Keiner der Geheimdienste hatte sie gewarnt. Wenn umgekehrt ein Spion einmal gerade noch rechtzeitig drohendes Unheil signalisierte, fand er damit kein Gehör. So geschehen zwei Tage vor dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Von Tokio aus unterrichtete damals ihr Geheimagent Richard Sorge die Regierung in Moskau detailliert über die Angriffsvorbereitungen Hitlers, doch Stalin schob die Nachricht als Fehlinformation beiseite. Sie passte nicht in sein Weltbild, hatte doch die Sowjetunion zwei Jahre davor mit der Naziführung einen Nichtangriffspakt abgeschlossen. Das Land zahlte dafür einen furchtbaren Preis.

John le Carrés Publikum durfte gespannt sein, ob der berühmte Autor in seinem Buch mit dem nichts sagenden Titel Der Taubentunnel endlich aus dem Nähkörbchen plaudern würde. ...

Oktober 2016


 

AUF WOLKE SIEBEN

Über einen Modellflug-Wettbewerb im Sommer 2016


Keiner sollte es merken - ich hatte Angst. Fast ein ganzes Jahr war ich nicht geflogen, weil mich meine Schreibarbeit, schlechtes Wetter und mein Angst daran gehindert hatten. Und jetzt wollte ich gleich an einem Vereinswettbewerb teilnehmen. Es war kein Übermut. Ich musste ein Trauma überwinden. Im vergangenen Jahr war Einiges schief gelaufen. Um auf „Nummer Sicher“ sicher zu gehen, hatte ich meinen alten „Mosquito“ flugfertig gemacht, einen der ersten Elektrosegler, mit dem ich immer Glück gehabt habe. Seine Papier-Bespannung hat im Laufe von vierzig Jahren zwar etwas gelitten und gegen stärkeren Wind hat er es wegen seines geringen Gewichtes ziemlich schwer. Dafür spricht er gut auf das Seitenruder und das Höhenruder an und kann gegen Modelle mit Querrudern ganz gut bestehen.

 Ein kurzer Probeflug kurz vor Beginn des Wettbewerbs machte mir Mut. Ich spürte die Blicke der Vereinsmitglieder hinter meinem Rücken. Ich flog schließlich nicht nur mit einem Antik-Modell, sondern war selbst eins. Zum Glück konnte ich als Zweiter starten, hatte das Wagnis also rasch hinter mir. Problemlos erreichte mein Flieger die notwendige Höhe. Ich schaltete den Motor aus und musste nun zusehen, den Segler über die vorgegebene Zeit von drei Minuten und 20 Sekunden in der Luft zu halten und dann möglichst sauber im Zielkreis zu landen. Mein Puls beruhigte sich erst, als der Flieger heil wieder am Boden war.

Nach dem zweiten Durchgang war mir klar, dass ich nicht als Sieger vom Platz gehen würde. Aber das war mir egal. Ich schwebte auf Wolke Sieben. Dass ich am Wettbewerb teilgenommen und meine Angst überwunden hatte, wog alles andere auf. Den dritten Durchgang sagte ich leichten Herzens ab. Der Wind hatte inzwischen so zugenommen, dass ich mit meinem „Mosquito“ in der verwirbelten Luft keine Chance gehabt hätte. Als bei der Siegerehrung mein Name nicht als Erster aufgerufen wurde, machte mein Herz einen Freudensprung: Letzter konnte ich also nicht geworden sein. Am Ende belegte ich unter zehn Teilnehmern den fünften Platz.

Entspannt setzte ich mich in meinen Klappstuhl, aß eine Bratwurst vom Vereinsgrill und nahm die Glückwünsche der Modellflugfreunde entgegen. Am späten Nachmittag zogen von Nordwesten her Federwolken auf, Vorboten einer Schlechtwetterfront. Sie erinnerten mich an einen Tag auf der Wasserkuppe, wo ich vor Jahren einen unvergesslichen Tag erlebt habe. Er fand seinen Niederschlag in einem Hörfunk-Essay, der von Radio Bremen 1978 ausgestrahlt und im April 1979 auch von der Zeitung „Luftsport“, dem Verbandsorgan des Deutschen Aero-Clubs, veröffentlicht wurde.

August 2016
 


 

WAHRHEIT UND POLITIK

Zur Kritik an Sahra Wagenknecht


Sahra Wagenknecht geht es so, wie es Hannah Arendt ergangen ist: Deren Publikation „Eichmann in Jerusalem“ hat damals nicht allen gefallen. Daraufhin schrieb sie einen Essay über das Verhältnis von Wahrheit und Politik. Hannah Arendt ging es um zwei Probleme. Das erste betraf nach ihren Worten die Frage, ob es stets richtig sei, die Wahrheit zu sagen; das zweite habe sich aus der erstaunlichen Zahl an Lügen ergeben, „Lügen einerseits über das, was ich geschrieben, und andererseits über die Tatsachen, die ich berichtet hatte“.

Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht geriet nach den jüngsten Terroranschlägen wegen des folgenden Satzes in die Kritik: „Die Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass die Aufnahme und Integration einer großen Zahl von Flüchtlingen und Zuwanderern mit erheblichen Problemen verbunden und schwieriger ist, als Merkels leichtfertiges ‚Wir schaffen das’ uns im letzten Herbst einreden wollte.“ Nachdem Parteifreunde den Satz als „Schlag ins Gesicht von uns allen“ bezeichnet hatten, monierte die Angegriffene im „Spiegel“, in ihre Äußerungen würden „Dinge reininterpretiert“, die sie weder gesagt noch gemeint habe. Allerdings hätte sie für sie Selbstverständliches noch einmal ausdrücklich sagen sollen, um Fehlinterpretationen auszuschließen. Aber es sei „auch nicht links, Probleme zu verschweigen“.

Sahra Wagenknecht hat eine Binsenwahrheit ausgesprochen. Die für die öffentliche Sicherheit zuständigen Behörden haben im vergangenen Herbst auf der ganzen Linie versagt. 130.000 zugewanderte Menschen verschwanden spurlos. Jetzt, fast ein Jahr später, verlangte der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, diese Flüchtlinge müssten so schnell wie möglich erfasst werden, Dass das mit großer Verspätung geschieht, ist angesichts der allgemeinen Überwachungswut nicht zu begreifen. Die Geheimdienste haben ihr Ohr doch sonst überall.

Statt über Sahra Wagenknecht herzufallen, sollten sich ihre linken Kritiker fragen, weshalb aus ihrer Sicht bei Wahlen immer die Falschen gewinnen. Offensichtlich gibt es da ein Problem. Das Verhältnis zwischen Wahrheit und Politik ist gestört. Es geht dabei weniger um die großen oder die barmherzigen Lügen in Zeiten des Krieges, sondern um das Wortgeklingel und die Halbwahrheiten im politischen Alltag. Einen Grund muss es doch haben, dass die Süddeutsche Zeitung ausgerechnet in diesen Tagen der Frage nachgeht, ob es stimmt, dass „dass Politiker immer öfter die Unwahrheit sagen“. (Andreas Zielcke, „Zeit der Lügen“, SZ, 2. August 2016, S. 9).

Angela Merkels Zauberwort „Wir schaffen das“ übertüncht die Probleme, die wie ein Krebsgeschwür ein europäisches Land nach dem anderen von innen her zerfressen. Mit Geld lässt sich vieles im Leben regeln, nicht aber der Zusammenprall einer mittelalterlichen religiös dominierten orientalischen Kultur mit der modernen laizistisch geprägten abendländischen Kultur, zumal wenn es der einen nicht um ein Miteinander oder ein Nebeneinander geht, sondern um Vorherrschaft. Wer die daraus resultierenden Ängste nicht wahrnimmt oder ignoriert, bereitet nationalistischen Parteien den Boden und macht die Menschen anfällig für deren fremdenfeindliche Parolen.

„Alles klare Denken erregt Anstoß“, gab Stedhal in seinem 1830 in Paris erschienenen Buch „Le Rouge et le Noir“ zu bedenken. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Unterstellung, Sahra Wagenknecht konstruiere „einen Zusammenhang zwischen Terror und Flüchtlingspolitik“ und schüre dadurch Ressentiments (Neues Deutschland, 30./31. Juli 2016, „An Sahra Wagenknecht scheiden sich die Geister“) ist an den Haaren herbeigezogen. Hier werden anscheinend innerparteiliche Rechnungen beglichen. Was gemeinhin als islamistischer Terrors bezeichnet wird, hat ohnedies mit der Sache, um die es in Wirklichkeit geht, wenig zu tun. Diese Geißel der Menschheit haben wir denen zu verdanken, die die Brandfackel in das Pulverfass Naher Osten geworfen haben, weil sie meinten, sich dessen Bodenschätze auf ewig sichern zu können. Aber auch da helfen am Ende selbst ganze Armeen nichts.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sind Hunderttausende wenn nicht gar Millionen Menschen aus Italien, Portugal, Jugoslawien und anderen Ländern in die Bundesrepublik Deutschland geströmt, ohne dass sich deswegen ein gesellschaftliches Unbehagen breit machte oder dass sich Aggressionen entluden, wie sie neuerdings bei Anhängern des türkischen Präsidenten Erdogan in Deutschland zu beobachten sind.

Die Angst vor dem Terror ist eine Sache, die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität eine andere. Statt um den heißen Brei herumzureden und diese Angst als Ausdruck spießbürgerlichen Denkens abzutun, sollten die Linken herauskommen aus ihrem Elfenbeinturm vermeintlicher Menschenfreundlichkeit, hinter der sich nicht selten Arroganz gegenüber Andersdenkenden verbirgt.

Lügen der politischen Gegner schmerzen, lassen sich aber ertragen. Lügen und Halbwahrheiten der politischen Freunde sind schmerzhafter und schwer zu ertragen. „Wahrhaftigkeit und Politik wohnen selten unter einem Dach“, notierte Stefan Zweig in der Einleitung zu seinem Buch „Marie Antoinette“. Auf Dauer sollte das so nicht bleiben, unabhängig von dem, was Sahra Wagenknecht jetzt widerfährt.

Weltexpresso, 3. August 2016


 

SCHALLENDE OHRFEIGEN

(Conrad Taler)


Schallende Ohrfeigen verteilt Jürgen Habermas am Schluss eines fast ganzseitigen Artikels in der Süddeutschen Zeitung vom 23. Juni, in dem er zum wiederholten Male die Ursachen der europäischen Krise von seiner Warte aus beleuchtet (»Sand im Getriebe«). Zugedacht sind sie den Vertretern der deutschen Regierung im Europäischen Rat und der deutschen Presse. Über die Erstgenannten schreibt der unbequeme Denker: »Diese Auflösung von Politik in Marktkonformität mag die Chuzpe erklären, mit der Vertreter der deutschen Bundesregierung, ausnahmslos hochmoralische Menschen, ihre politische Mitverantwortung für die verheerenden sozialen Folgen leugnen, die sie als Meinungsführer im Europäische Rat mit der Durchsetzung der neoliberalen Sparprogramme doch in Kauf genommen haben.« Den deutschen Journalismus geißelt Jürgen Habermas mit den Worten: »Zur postdemokratischen Einschläferung der Öffentlichkeit trägt auch der Gestaltwandel der Presse zu einem betreuenden Journalismus bei, der sich Arm in Arm mit der politischen Klasse um das Wohlbefinden von Kunden kümmert.« Haben die Geohrfeigten wenigstens aufgestöhnt? Natürlich nicht. Für die einen gilt, was Wilhelm Busch für solche Fälle parat gehabt haben soll: »Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.« Über die deutsche Presse urteilte ein anderer: »Die Journalistik in Deutschland taugt zur Zeit wirklich nichts.« Der Satz stammt von Iwan Turgenjew. Er brachte ihn am 1. März 1847 in einem Brief aus Berlin zu Papier. (Aus: »Ein Lesebuch für unsere Zeit«, übersetzt von Günter Dalitz und Irene Wardega, Berlin 1989, S. 401.)

Ossietzky, "Bemerkungen", 5 (2015)...


 

DURCHGEKNALLT

(Conrad Taler)

Was ist eine Kolonie? Nach landläufigem Verständnis bezeichnet man so ein Gebiet ohne eigene politische und wirtschaftliche Macht. Solche Gebiete gibt es heute nirgendwo mehr auf der Welt. Das weiß man nirgendwo besser als in Bremen, das sich als Schlüssel zur Welt versteht. Trotzdem sehen das manche immer noch anders. So schreibt Joerg Helge Wagner in einem Kommentar des Weser-Kuriers vom 31. Januar 2015: »Wird Wladimir Putins Eurasische Union bald um eine weitere Kolonie wachsen? Rußland, Weißrußland, Kasachstan, Kirgisistan, Armenien – und am 2. März auch noch Griechenland?« Was Weißrußland, Kasachstan, Kirgisistan und Armenien betrifft, scheint die Sache für die meisten klar zu sein, aber Griechenland, das Mutterland der Demokratie eine Kolonie, ein Anhängsel Rußlands?


Auch Weißrußland wird es nicht gefallen, als Kolonie Moskaus hingestellt zu werden. Den 350 deutschen Firmen, die in Weißrußland ihren Geschäften nachgehen, dürfte es auch nicht gleichgültig sein. 2013 belief sich das Volumen des Handels zwischen Deutschland und Weißrußland auf 4,8 Milliarden US-Dollar. Kasachstan, eine weitere angebliche Kolonie, ist mit einem Handelsvolumen von 6,5 Milliarden Euro Deutschlands wichtigster Handelspartner in Zentralasien. Das Auswärtige Amt in Berlin sprach kürzlich davon, daß sich die »freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Kasachstan« gut entwickeln. Die deutschen Exporte nach Armenien beliefen sich 2012 auf 234 Millionen Euro. Damit ist Deutschland Armeniens wichtigster Handelspartner. Das jährliche Volumen des Handels mit Kirgisistan betrug zuletzt 110 Millionen Euro.


Das sind keine weltbewegenden Summen, aber sie sagen etwas aus über den Nutzen gutnachbarlicher Beziehungen. Für Joerg Helge Wagner spielen sie anscheinend keine Rolle. Daß er am Schluß seines Kommentars die neue griechische Regierung unter Alexis Tsipras mit der Gewaltherrschaft des ugandischen Despoten Idi Amin vergleicht, setzt allem die Krone auf. »Griechenlands Regierung sollte sich nicht wie eine durchgeknallte Drittwelt-Despotie aufführen«, schreibt er. »Anders als weiland Idi Amin kann sie nämlich nicht einfach die Notenpresse anwerfen, wenn Geld fehlt.«


Ossietzky, "Bemerkungen", 4, (2015)...


 

SCHWEJK TRIFFT CANDIDE

(Conrad Taler)


Kürzlich besuchte der brave Soldat Schwejk, der gerade die Süddeutsche Zeitung vom 22. Februar gelesen hatte, seinen alten Freund Candide auf Wolke Sieben. »Was gibt es Neues auf der besten aller Welten?« empfing ihn der sanftmütige Sohn des westfälischen Freiherrn Thunderten-Tronckh. »No, da gibt es lustige Sachen«, erwiderte Schwejk. In Saudi-Arabien müsse König Abdullah um seinen Thron fürchten, obwohl er ein durch und durch guter Mensch sei. Zum Beispiel habe er einer verurteilten Journalistin 60 Peitschenhiebe erlassen. Was der König gegen so viel Undank mache, fragte Candide zurück. »Der König hat in Deutschland Waffen für mehr als eine Milliarde Euro bestellt, hauptsächlich das, was man Grenzsicherungssysteme nennt«, gab Schwejk zur Antwort. Candide runzelte die Stirn. Dann entsann er sich seines Hauslehrers Pangloß, der bekanntlich der größte Philosoph der Provinz und somit auch der ganzen Welt gewesen sei. Der habe ihm erzählt, daß jeder Staat, auch so einer wie der unter Hitler, das Recht auf Selbsterhaltung habe. »Das hat sich dein Meister Pangloß selbst ausgedacht«, unterbrach ihn Schwejk. Nein, nein, rechtfertigte Candide seinen alten Lehrer, in Deutschland seien ja gerade deswegen alle Nazirichter freigesprochen worden, und mit den Waffenlieferungen an Saudi-Arabien verhalte es sich genauso. »Dann sehe ich da ein Problem«, entgegnete Schwejk. »Besser gesagt ist es mehr eine Frage«, fügte er verschmitzt hinzu. »Hätte die DDR auch Waffen und Systeme zur Grenzsicherung geliefert bekommen?«


Ossietzky, "Bemerkungen", 6 (2013)...


 

EINE LANDEBAHN WIRD GESTARTET

(Conrad Taler)

In Zeiten wie diesen reißt einen eine Überschrift nur noch selten vom Hocker, es sei denn, man stößt im Video-Text des ZDF auf die Schlagzeile: »Merkel startet neue Landebahn.« Wie denn, was denn, fragt man sich unwillkürlich. Eine Landebahn kann weder gestartet noch gelandet werden, die liegt wo sie liegt. Daran kann auch eine Bundeskanzlerin nichts ändern. Weshalb also, zum Teufel, die unsinnige Überschrift? Anscheinend orientiert man sich in der Redaktion am Sprachgebrauch der Meteorologen, bei denen die neue Woche nicht beginnt, sondern, je nach Wetterlage entweder mit viel Sonne oder – ein sprachlicher Leckerbissen der besonderen Art – mit ein paar mehr Wolken startet. Umgekehrt würde niemand sagen, Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel beginne beim nächsten Rennen aus der Poleposition. Verteidiger des modischen Unfugs, das Wort starten nach Belieben zu verwenden, verweisen gern auf die ähnlich klingende englische Bezeichnung, die ebenfalls unterschiedlich benutzt werde. Der »Duden« läßt allerdings starten als Synonym für beginnen nur im Sinne von »etwas beginnen lassen« zu.

Was war nun wirklich passiert? Mit der Landung von Bundeskanzlerin Merkel an Bord einer Regierungsmaschine war am 21 Oktober 2011 die neue Nordwest-Landebahn des Frankfurter Flughafens eröffnet worden. Die naheliegende Überschrift »Merkel eröffnet neue Landebahn« hätte zwar niemanden vom Hocker gerissen, aber sie wäre sprachlich in Ordnung gewesen. Sprachliche Unschärfe ist die Folge unscharfen Denkens. In Zeiten wie diesen sollten Journalisten sich diesen Luxus nicht leisten. Übrigens – für die neue Landebahn wurden 280 Hektar Wald gerodet und den Anwohnern droht 50 Prozent mehr Lärm.


Ossietzky, "Bemerkungen", 22 (2011)...